Eine kurze Notiz zur Therapie

Du darfst rein.
Ich gehe in den Raum meiner Therapeutin  und denke mir: eine Stunde. Boah, das halte ich nicht aus.
Ich setze mich auf den Sessel und ziehe mit dem Fingernagel Streifen über den Cordbezug des Sessels. So hinterlasse ich wenigstens eine Spur. Jessi kritzelt immer Zeichnungen an den Rand ihrer Schulhefte, Manu hat ihr Tagebuch. Als wollten wir unsere Existenz festhalten.
"Wenn du scheigst, machst du alles nur schwieriger." Philosophiert ........ Schleim, schleim. Sozialarbeiter-Therapeutengeschwätz. Kratzer.
"Was machst du?"
"Nichts."
"Du isst nichts."
"Wenn du das weißt, warum fragst du dann?"
Ich erstatte ihr Bericht. In der Therapie einen Satz zu Ende bringen ist endgültig wie der Tod. Nichts fühlen. Nichts fühlen. Aber schlucken tut weh. ....... schaut "unauffällig" auf die Uhr. Ich will sagen: "Es sind noch 20 Minuten" und fragen: "nerv ich? Darf ich endlich gehen?" Aber ich frage: "Glaubst du mir?" - "Wenn du lügst, betrügst nicht mich, sondern dich." Ich denke mir: Nicht gesund werden ist nicht dasselbe wie tot sein. "Ewig..." Ich denke mir, diese blöde Gans weiß doch nicht was Ewigkeit bedeutet. Nur  wer keine Hoffnung hat und trotzdem wartet , weiß was Ewigkeit bedeutet.
Sie weiß auch nicht, was Essen ohne es zu wollen bedeutet. Essen, bis du fast erstickst. Du erstickst in Schuldgefühlen und ekelst dich vor dir selbst, du bist nichts, du bist niemand, absolut wertlos. So sehr ekeln, dass du kotzen musst, die Augen voller Tränen, die Nase, der Körper voller Schmerz. Nie mehr, schwörst du dir, nie mehr. Aber "Nie" hat schon oft angefangen. Du bist nichts und das weißt du. Du musst bestraft werden. Dein Rassiermesser, dein Arm. Bis Blut herauskommt. Der einzige Beweis, dass du existierst. Danach ziehst du ein T-Shirt mit längeren Armen an und niemand weiß davon. Und man hat ein wehes Gefühl von Hunger im Magen, von dem "ich nicht mehr weiß ob es Hunger oder Übelkeit ist". Aber das sage ich nicht. Ich sage nichts! Ich Schweige.
"An was denkst du?"
"Nichts."
Wieder Schweigen. Schweigen hat auch eine Stimme. Das Echo, das bleibt, später, wenn ich nicht mehr da bin. Alles hat irendwie ein Echo. Außer auflegen und Türen zu knallen. Aber manchmal frage ich mich, was es bringt aufzulegen und Türen zu zu knallen. Meine Eltern werden das als Zeichen der Ohnmacht auslegen, nicht als Strich, den ich ziehe, unter sie, unter das Zuhause, unter meine Vergangenheit.
Wieder schaut meine Therapeutin auf die Uhr. Ich sollte auf die Uhr schauen. Für mich ist das hier noch quälender.
Schweigen.
"Der Termin ist zu Ende. Bis nächsten Mittwoch."
Ja, ja, gerne ... Nicht!