Liebe verhasste Freundin

Liebe, verhasste Freundin,

eigentlich wäre es nicht nötig, dir diesen Brief zu schreiben, weil wir zwei in einem sind und täglich viel Zeit miteinander verbringen - unabhängig davon, ob wir nur gemeinsame Gedanken, Gefühle und Ängste teilen oder ob wir uns über der Kloschüssel freundschaftlich in den Armen liegen.
Weißt du Liebes, mittlerweile bin ich der Meinung, dass du meine beste Freundin bist. Seit Jahren begleitest du mich mal mehr, mal weniger, durch meinen Alltag.

Damals vor ungefähr sechs Jahren hatte ich noch viel zu große Angst und eine Menge Respekt vor dir. Ich war mir eigentlich relativ sicher, dass wir keine guten Freunde werden könnten. Doch ich habe mich getäuscht und mich umso mehr über unsere beginnende Freundschaft gefreut.
Du hast zu mir gehalten als Andere sich schon längst von mir abgewandt hatten.
Du hast mir deine Unterstützung angeboten, als mir meine Eltern die Luft zum Atmen nahmen. Ich habe mich so eingeengt, so kontrolliert, so klein und bestimmt gefühlt. Wie eine Marionette, die kein eigenes Leben hat und stattdessen durch Fäden gefangen ist. Die Fäden haben sich ineinander verknotet. Ich konnte sie von alleine nicht lösen. Zu fest waren sie. Du hast mich gerettet, indem du die sie durchschnitten hast. Durch dich war ich ein Stück weit frei, denn Keiner konnte mich mehr „leiten“. Keiner konnte mich daran hindern, mit dir befreundet zu sein, weil es keiner wusste.
Du hast mir Unabhängigkeit gegeben und mich zum ersten Mal Stärke spüren lassen.

Leider war unsere Freundschaft nicht immer friedlich. Oft gab es Streit zwischen uns, weil gewisse Menschen, als unsere Freundschaft herauskam, diese nicht akzeptieren wollten. Ich hatte Angst dich zu verlieren und habe mich von anderen distanziert, um bei dir sein zu können, und um dir zeigen zu könne, wie wichtig du mir bist und dass ich ohne dich nicht leben kann.
Doch wenn ich ehrlich sein soll, gab es Augenblicke, in denen ich dich nicht besonders mochte und mir tatsächlich die Frage gestellt habe, ob unsere Freundschaft wirklich auf Gegenseitigkeit beruht. Ich streite nicht ab, dass du immer zu mir gehalten hast. Du hast mit mir gelacht, geweint, gekotzt …
Nein, ich verurteile dich nicht. Das würde ich nie tun, und ich danke dir heute noch für alles, was du für mich getan hast und heute noch tust. Doch ich habe mich irgendwann nicht mehr frei gefühlt.
Ich konnte mir keine Auszeit von dir nehmen. Ständig warst du präsent. Immer und überall. Ich habe mich gefühlt wie von einem Dämon besessen. Momente, in denen ich meine Ruhe hatte, gab es nur noch selten.
Du hast meinen kompletten Alltag eingenommen, keinen Platz für andere, wichtige Dinge gelassen. Dinge, Ereignisse, Menschen, die mir gut getan hätten. Die mich hätten begreifen lassen, wie schön das Leben sein kann.
Du hast mir keine Ruhe gegönnt. Du hast meine Gedanken immer ums Essen bzw. Nicht-Essen, Fressen und Kotzen kreisen lassen.
Du hast mich laufen lassen, bis meine Beine nachgaben.
Du hast mich hungern lassen, bis ich keine Kraft mehr hatte.
Du hast mich fressen lassen, um letztendlich mit ansehen zu müssen, wie ich kniend und blut kotzend über der Kloschüssel hing.
Oft habe ich mir in solchen Augenblicken deine Geborgenheit gewünscht. Doch bis auf den beruhigenden Gedanken, mich innerlich befreit zu haben, blieb nichts anderes übrig.
Diese Leere, diesen Scham, warum hast du sie mir nicht genommen? Warum hast du dich in solchen Situation nicht bei mir entschuldigt für das, was du mir antust? Du hältst es nicht für nötig, weil du mir deiner Meinung nach etwas Gutes damit tust?
Ja, es mag stimmen! Es gab und es gibt kein schöneres Gefühl, als diese Leichtigkeit nach dem Kotzen. Das Gefühl, die Macht und die Kontrolle über sich zu haben. Dieses Gefühl kann mir keiner geben und nehmen. Kein Mensch dieser Welt. Nur du hast mir dieses Gefühl ermöglicht.

Doch du hast mir auch vieles genommen.
Wegen dir habe ich zum Teil meine Freunde verloren und fast auch meine besten Freunde. Man könnte es auch positiv sehen, weil ich durch dich erfahren habe, wer meine echten Freunde sind. Das ist auch nicht ganz verkehrt.
Trotzdem: Du hast mich zu einem gefühlskalten Menschen gemacht, zu einer perfekten Lügnerin, zu einem arroganten Miststück. Das einzige Problem dabei: Du hast mich nie gefragt, ob ich das werden wollte?
Du hast mich manipuliert. Du hast dich zur Herrin über mich gemacht. Das macht mich wütend, unheimlich wütend!
Denn hätte ich die Wahl gehabt, dann hätte ich mich anders entschieden.
Ich hätte mich gegen dich und für meine Freunde, Familie, ja FÜR MICH UND MEIN LEBEN entschieden. Aber nein, du hast nicht gefragt. Du hast dich eingeschlichen, Dir mein Vertrauen gesichert, für mich gehandelt und mir keine Alternative gelassen. Dafür hasse ich dich aus tiefsten Herzen.

Für mich ist die momentane Situation unheimlich schwer. Denn du bist trotz allem, was zwischen uns vorgefallen ist, meine beste Freundin.
Du hast mich zudem gemacht, was ich heute bin, und so sehr ich über gewisse Eigenschaften enttäuscht bin, kann ich nicht leugnen, dass du aus mir zum Teil auch etwas Positives gemacht hast.
Du motivierst mich, auf mein Aussehen zu achten, Sport zu treiben, bis ich nicht mehr kann, mich „gesund“ zu ernähren oder eben deine Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn ich gegen diese goldenen Regeln verstoße.
Du schützt mich vor anderen, indem du keinen emotional zu nahe treten lässt.
Du hinderst mich daran zu tiefe Bindungen aufzubauen, um mein Inneres zu schützen.
Du gibst mir soviel.
Ich empfinde für dich ein Gefühl, welches ich absolut nicht in Worte fassen kann. Vielleicht deshalb nicht, weil ich es in Bezug auf andere Menschen nicht kenne. Ich empfinde für keinen anderen etwas Ähnliches.
Einerseits liebe ich dich. Andererseits hasse ich dich abgrundtief.
Ja, es ist Euphemismus und Neologismus in einem - Hassliebe!
Du bist ein schlaues Wesen, wenn auch nicht sichtbar. Doch du weißt genauso gut wie ich, dass Wortneuschöpfungen im Alltag schwer zu handhaben sind. Es ist wie mit den Anglizismen - viele können damit nicht umgehen. Deshalb ist es unheimlich schwer, anderen erklären zu müssen, wie ich zu dir stehe.

Hasse ich dich oder liebe ich dich? Gute Frage, auf die ich leider keine Antwort parat habe. Ich bin mir meinen Gefühlen dir gegenüber unsicher.
Doch eins ist klar: Ich muss mich entscheiden, ob ich dich weiterhin lieben und behalten oder hassen und bekämpfen möchte, wobei weitere Möglichkeiten bestehen würden: lieben und trotzdem bekämpfen oder behalten und hassen. Diese möglichen Kombinationen sind fatal.

Weißt du, vielleicht gehörst du zu den Themen des Lebens, über die zu diskutieren es sich nicht lohnt.
Ja, du bist mit dem Tod vergleichbar! Einerseits kann ich selber bestimmen, wann dieser eintreten soll. Andererseits kann ich dem Schicksal seinen Lauf lassen. Denn der kommt auch von allein!