Interviews

Über die Psychiatrie gibt es viele Vorurteile, die in Wirklichkeit oft überhaupt nicht stimmen. Deshalb haben wir, zwei Jugendliche der Station 3, uns überlegt, mit diesen Interviews, die wir mit Betreuern und Patienten geführt haben, einen kleinen Einblick in das Leben der Klinik zu geben.

Interviews mit Betreuern und Jugendlichen auf der Station 3 in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tübingen:


Festangestellter Betreuer

PauLi: Was fällt Dir als Erstes ein, wenn du an deine Arbeit als Betreuer denkst?
J.: Das Diskutieren mit den Jugendlichen.
PauLi: Was war deine aufregendste Situation mit einem Patienten?
J.: Die Zimmertür zu öffnen, hinter der sich ein Jugendlicher verbarrikadiert hatte!
PauLi: Warum magst du diese Arbeit?
J.: Ich mag diese Arbeit, weil ich mich gerne mit Jugendlichen auseinandersetze und sie womöglich aus der Auseinandersetzung etwas Positives herausholen können.
PauLi: Wie sieht ein Arbeitstag von dir aus?
J.: Wenn ich Frühdienst habe zum Beispiel so:
Zuerst muss ich Organisatorisches für den Tag vorbereiten, anschließend frühstücke ich mit den Jungendlichen. Später gibt es dann Einzeltermine oder Ähnliches. Um zwölf Uhr gibt es Mittagessen dann eventuell eine Besprechung, danach die Übergabe, in der wir dem Spätdienst berichten, was vormittags passiert ist, was es Neues von den Jungendlichen gibt, wo wir planen, was wir unternehmen wollen, neue Regeln festlegen und Ähnliches.
PauLi: Was würdest du verändern, wenn du hier Chef wärest?
J.: Ich würde mich für einen Neubau einsetzen.
PauLi: Was ist deine Lieblingsbeschäftigung auf Station?
J.: Ich spiele gerne mit den Jugendlichen Volleyball.
 


Eine Jugendliche

PauLi: Was fällt dir ein, wenn du an deinen Aufenthalt hier denkst?
A.: Dass es nette Jugendliche und Betreuer gibt. Meine Bezugspersonen.
PauLi: Was machst du hier den ganzen Tag?
A.: Aufstehen, dann hab ich Schule (15 Stunden/Woche), um 12 Uhr gibt es Mittagessen, danach ist von 13 Uhr- 13.30 Uhr Zimmerruhe. Nachmittags sind verschiedene Gruppenangebote oder gemeinsames Kaffee-Trinken auf Station, Termine mit den Bezugspersonen und auch viel freie Zeit, die man für sich nutzen kann. Zum Beispiel kann man in den Ausgang (Spazieren gehen, in die Stadt gehen, Handyausgang, etc.), um 18.30 Uhr gibt es Abendessen.
Ab 20.00 Uhr schaue ich oft Fernsehen.
PauLi: Für Psychiatrien gibt es viele Vorurteile, was sagst du dazu?
A.: Ich muss zugeben, zuerst hatte ich auch welche. Ich dachte, dass hier total Verrückte sind. Als ich hier angekommen bin, habe ich sofort gemerkt, dass die Jugendlichen hier genauso normal sind wie alle Anderen und sogar oft noch netter. Meine Vorurteile sind vollkommen verschwunden.
PauLi: Was findest du gut hier, was würdest du verändern?
A.: Gewisse Regeln sorgen für Ordnung, die Betreuer sind sehr nett.
Dass man Ausgang hat, in dem man sich Zeit für sich nehmen kann (ohne Betreuer).
Ebenso gefällt mir das gemeinsame Essen und dass wir Fernsehen schauen dürfen.
Ein paar Regeln würde ich ändern und ein zweites Sofa zum Relaxen wäre auch sehr schön.

 

Langzeitpraktikantin

PauLi: Was fällt dir als Erstes ein, wenn du an deine Arbeit als Betreuerin denkst?
D.: Die Jugendlichen.
PauLi: Was war deine aufregendste Situation hier?
D.: Als wir in der Wilhelma bei der Dream-Night waren und ich eine Vogelspinne auf der Hand hatte.
PauLi: Warum magst du diese Arbeit?
D.: Ich beschäftige mich gerne mit den Jugendlichen und es ist sehr schön ,da auch sehr viel von ihnen zurückkommt. Außerdem freue ich mich über ihre Fortschritte!
PauLi: Wie sieht ein Arbeitstag von dir aus?
D.: Es kommt darauf an, ob ich Früh- oder Spätschicht habe. Samstags Spätschicht läuft ungefähr so ab: Zuerst Übergabe, dann begrüße ich alle, am Nachmittag machen wir immer eine Aktivität. Das heißt, dass die Jugendlichen sich etwas wünschen dürfen , was wir dann nachmittags unternehmen. Egal, ob das Kino Wandern, Fahrradtour, Kanu fahren, Squash, Hochseilgarten oder so ist. Wir sind für alles offen. Oft kaufen wir noch etwas Leckeres zum Abendessen oder Kuchen. Außerdem wird viel gelacht gespielt draußen oder drinnen.
Nach 20 Uhr gehen die anderen Betreuer und ich nach Hause und die Nachtwache kommt.
PauLi: Was findest du gut hier und was würdest du verändern?
D.: Es gefällt mir, dass hier alles gut durchstrukturiert ist. Auch gut finde ich, dass jeder Jugendliche drei Bezugspersonen von dem Betreuerteam hat. Diese sind hauptsächlich für den jeweiligen Patienten verantwortlich und haben ein bis zwei Gesprächstermine mit ihm/ihr in der Woche. Dadurch kann eine sehr gute Vertrauensbasis entstehen und den Jugendlichen fällt es leichter, sich zu öffnen und über ihre Probleme zu reden.
Es gibt hier auch viele verschiedene Freizeitangebote und Gruppen, wie zum Beispiel Malgruppe, Trampolin, Bogenschießen, Kegeln, Entspannungs- und Körperwahrnehmungsgruppe, Backgruppe, Joggen und vieles mehr…
Negatives fällt mir spontan nichts ein.
PauLi: Was ist deine Lieblingsbeschäftigung auf Station?
D.: Mich mit den Jugendlichen zu unterhalten. Sowohl ernst über die Therapie als auch einfach nur mal Quatsch machen.
PauLi: Du hörst bald auf hier zu arbeiten. Was geht dir durch den Kopf?
D.: Es ist für beide Seiten nicht einfach. Die Jugendlichen wachsen einem einfach ans Herz und mir wird Einiges fehlen!
PauLi: Gibt es noch irgendetwas was du den Lesern sagen möchtest?
D.: Ja , hier sind ganz nette normale Jugendliche, die wie alle Menschen Schwierigkeiten und Probleme haben. Ich hoffe, dass die Menschen keine Vorurteile haben, denn die sind absolut unberechtigt!

 

Festangestellte Betreuerin

PauLi: Was fällt dir als Erstes ein, wenn du an deine Arbeit als Betreuerin denkst?
M.: Die Patienten von der Station.
PauLi: Warum magst du diese Arbeit?
M.: Ich finde es gut, es sich zur Aufgabe zu machen, dass man die Patienten mit ihren vielen Seiten kennenlernt und sie zu unterstützen und zu begleiten in Dingen, die (für sie) schwierig sind.
Da versuche ich mein Bestes, aber klar schaffe ich es auch nicht immer alles gut zu machen. Es ist zeitlebens eine Lernaufgabe und die Arbeit hält immer Neues für mich bereit. Jeder Patient bekommt eine individuelle Behandlung, da keiner wir der andere ist und jeder eine andere Geschichte hat.
Die Abwechslung in meinem Beruf gefällt mir sehr gut.
PauLi: Was würdest du verändern, wenn du Chef wärest?
M.: Ich fände es schön, wenn wir ein richtiges Malatelier für unsere Malgruppe hätten.
PauLi: Was ist deine Lieblingsbeschäftigung hier?
M.: Spielen mit den Jugendlichen, besonders Scrabble.
PauLi: Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
M.: Er ist geprägt durch Schichtdienst, was auch bedeutet, dass man auch mal am Wochenende arbeiten muss. Er ist durch regelmäßige Termine gut strukturiert, aber gleichzeitig bleibt auch viel Zeit für spontanes Handeln. Es ist sehr abwechslungsreich.


Lehrerin der Klinikschule

PauLi: Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an Ihre Arbeit als Kliniklehrerin denken?
J.: Unsere Schüler! Sie erziehen mich zur Flexibilität und pädagogischen Geistesgegenwart.
PauLi: Was war Ihre aufregenste Situation mit einem Schüler?
J.: Als bei einer Theaterprobe ein Schüler entwischte und die Polizei ihn suchen musste. Das Ganze war letztendlich ganz harmlos, aber im ersten Moment bekommt man doch einen großen Schreck.
PauLi: Warum mögen Sie Ihre Arbeit?
JS.: Weil man neben den üblichen Unterrichtsinhalten sehr individuell auf Schüler und ihre Situation eingehen und sie fördern kann. Man darf (sollte sogar!) den ganzen Schüler, seine Krankheit und Lebenssituation im Blick haben und anschauen. Entsprechend intensiv ist auch der Austausch mit den Kollegen über jeden Schüler, seine Fortschritte, das Vorgehen und die Perspektive, was ich als sehr positiv empfinde und was so an einer üblichen Schule nicht stattfinden kann.
PauLi: Was unterscheidet die Klinikschule von einer ‚normalen’ Schule?
JS.: Als erstes natürlich rein äußerlich die Schul- und Klassengröße: Es wird in der Regel in kleineren Gruppen mit einem reduzierten Fächerkanon unterrichtet.
Der wichtigste Unterschied sind aber sicher die Schüler selbst: Sie sind bei uns, weil sie in irgendeiner Form krank sind und es ihnen (zumindest am Anfang) nicht gut geht. Entsprechend tritt da zunächst auch der ganze Noten- und Leistungsdruck in den Hintergrund. Wir versuchen dort anzusetzen, wo der Schüler steht: manchmal fängt man nur mit ein paar Stunden Unterricht an. Jede Woche wird dann neu überlegt und geschaut, was wie in welchem Umfang möglich ist. Ich finde es dann immer wieder beeindruckend, zu erleben, wie der Zustand der Schüler sich stabilisiert, sie aufnahmefähiger und belastbarer werden und man sie dann mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf eine ‚normale’ Schule entlässt.
Einige machen aber auch ihren Abschluss bei uns (Hauptschul- od. Realschulabschluss). Diese Möglichkeit finde ich sehr wichtig, weil es Jugendlichen Perspektiven eröffnet, die sie sich vielleicht sonst nicht erarbeiten könnten.
PauLi: Was würden Sie anders machen, wenn Sie Chef wären?
JS: Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Station optimieren und eine Fee einstellen, die den Stundenplan zaubert.


Die Interviews führte PauLi.

 

Oberarzt

LabIRRinth: Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an Ihre Arbeit als Oberarzt denken?
OA: Wie kriege ich den heutigen oder morgigen Tag rum. Habe ich da auch Zeit, mich um die Stationen und ihre Patienten zu kümmern oder steht wieder viel zu viel in meinem Terminkalender.
LabIRRinth: Was war Ihre aufregendste Situation mit einem Patienten?
OA: Wenn ich mit einem Patienten Fussball spiele und dabei verliere. Aber vielleicht auch, wenn ich mitten in der Nacht in die Klinik muss und ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Und jedes Mal wenn ich zu einer schwierigen Situation gerufen werde und ich nicht weiß, ob mir der Kontakt zu der betreffenden Patientin oder dem Patienten gelingt und es mir gelingt, auch die Mitarbeiter zu beruhigen.
LabIRRinth: Warum mögen Sie diese Arbeit?
OA: Weil ich vielen Menschen begegnen kann und manchmal spüren darf, dass ich Jugendlichen oder Erwachsenen helfen kann. Es ist schön, immer wieder zu spüren, dass Menschen erleichtert von hier weggehen und wieder Hoffnung für ihr Leben haben. Und ich mag die Arbeit hier, weil sie ganz vielfältige Aufgaben beinhaltet, es kann da gar nie langweilig werden.
LabIRRinth: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
OA: Es ist eine bunte Mischung aus Therapiestunden, Vorlesung, Unterricht, Gesprächen mit Mitarbeitern, organisatorischen Aufgaben, Vorträge schreiben, Zeitschriftenartikel schrieben, mich um Patienten auf Station kümmern, Forschungsprojekte durchführen. Jeder Tag sieht anders aus. Gemeinsam ist allen Tagen, dass sie zu kurz sind für die vielen Aufgaben, die ich mir vorgenommen habe.
LabIRRinth: Was würden Sie verändern, wenn Sie hier Chef wären?
OA: Ich würde allen Mitarbeitern mehr Urlaub geben. Und würde die Patienten mehr über den Stationsalltag bestimmen lassen. Und würde mir selbst viel freie Zeit für meine Familie gönnen.


Ehemalige Patientin

LabIRRinth: Was fällt dir ein, wenn du an deinen Aufenthalt hier denkst?
F.: Meine ehemaligen Mitpatienten, mit denen ich unglaublich viel Spaß hatte und zu denen ich teilweise heute noch gute Kontakte habe - in der KJP sind Freundschaften fürs Leben entstanden. Ich denke aber auch an unsere Kämpfe gegen starre Stationsstrukturen, Arroganz und Ignoranz der Betreuer, Unerfahrenheit der Therapeuten etc. Die Zeit in der KJP war sehr prägend und intensiv für mich.
LabIRRinth: Was hast du den ganzen Tag gemacht?
F.: Meine Erinnerung sagt: Wenig. Ich kann mich v.a. daran erinnern, dass wir die meiste Zeit rumsaßen und irgendwas gespielt haben, Kniffel oder No-name-Game.
LabIRRinth: Für Psychiatrien gibt es viele Vorurteile, was sagst du dazu?
F.: Ich hatte damals keine Vorurteile gegenüber der Psychiatrie und habe sie heute auch nicht. Leider stelle ich immer wieder fest, dass andere große Vorbehalte gegenüber psychisch kranken Menschen haben - leider auch viele Mitarbeiter der KJP. Es fällt vielen schwer, zu sehen, dass auch (ehemalige) Patienten viele Kompetenzen haben und nicht nur "lebenslang gestört" sind.
LabIRRinth: Was findest du gut hier, was würdest du verändern?
F.: Ich würde den Patienten mehr Mitspracherechte und Gestaltungsmöglichkeiten einräumen. Ich würde ein Nachsorge-Projekt einrichten, um Ehemaligen, die es doch immer wieder zurückzieht und die auch nach ihrer Entlassung noch Kontakt zur KJP suchen, eine Möglichkeit zu geben, dies in einem guten und hilfreichen Rahmen zu tun.

Den zweiten Teil der Interviews führte Ulrike.