BILANZBERICHT

BILANZBERICHT
PATIENTIN: 216, das war meine Nummer im Krankenhaus, als man merkte, das ich länger bleiben würde, wurde ich sogar mit Namen vermerkt. Miriam Iris K. Mairim Siri, wenn man den Namen rückwärts liest. Ein schöner Name, wenn man nach Bollywood will. Mal bin ich Miriam, mal Iris, mal Miriam Iris und mal Miri. Mal ein kleiner Punkt, mal ein Straßenköter, mal eine Fee. Mir doch egal, wie sie mich nennen. Wenn man auf meinem Grabstein, wenn ich einen bekomme, nur den ganzen Namen vermerkt. Miriam Iris K.. Vielleicht habe ich auch bis dahin schon geheiratet. Dann heiße ich Miriam Iris Irgendwer. Oder man nimmt die Kosten auf sich und schreibt: Miriam Iris Irgendwer; geb. K.. An meiner Beerdigung, werden die Leute dann nicht über mich reden, sondern über meinen teuren Grabstein. Vielleicht, werden sie auch meinen Beruf unter meinen Namen und die ganzen Daten schreiben. Vielleicht schreiben sie dann: Künstler oder Straßenköter. Das ist wie bei Jim Morrison, er war Poet, Sänger, Filmemacher, … ein Künster eben. Wo wird man begraben, wenn man nicht in der Kirche ist? Ich werde ihnen tot, wie lebendig eine Last sein. Ein Straßenköter, den man aufnimmt, weil er klein und süß ist. Wenn man ihn dann hat, ist und bleibt er eine Last. Lasst mich doch auf die Straße. Dann müsst ihr mich nicht füttern, suchen und bei euch haben. Mein Name, eine Last für euch und doch lässt er sich so schnell, wie jeder andere Name auf Papier bringen. M.I.K., in der Mitte, das I. Vielleicht werdet ihr euch daran erinnern, wenn ihr an R.I.P. denkt.
DATUM: Pünktlich.
THERAPIEBEGINN: Irgendwann. Ich hatte ein blaues T-Shirt an und Chucks. Mehr weiß ich aber auch nicht.

1.)Welche Beschwerden hatten Sie zu Beginn der Psychotherapie?
Das steht sicher in einem Bericht. Anorexia nervosa und was die anderen noch so schreiben eben.

2.)Was hat sich daran geändert?
Darüber gibt es sicher auch schon einen Bericht.

3.)Wie hat ihnen die Psychotherapie weiter geholfen? Erleben sie irgendetwas als störend?
Die anderen sind beruhigter. Oma und Opa fragen immer: „Ist Herr Elsner zufrieden mit dir?“ - „Ja.“- „Dann sind wir es auch.“. So einfach geht das. Es ist besser, der Therapeut hört sich an was ich denke, so müssen sie sich nicht mit mir plagen. Ja, Oma und Opa lieben mich. Wenn ich ihnen sage, was sie wollen und wenn Herr Elsner zufrieden mit mir ist.
Störend? Nichts, mein Leben ist wundervoll. Jetzt mal echt, warum muss man so was schreiben? Ich hasse die Kilos über 43 Kilo und das man im Winter zu lange an der Bushaltestelle warten muss wenn die Stunde um ist.

4.) Welche Möglichkeiten sehen Sie, nach Beendigung der Psychotherapie Ihre Probleme, Störungen, Symptome zu bewältigen (Selbsthilfe, Unterstützung von anderen)?
Darüber will ich jetzt doch noch nicht nachdenken. Vielleicht bekenn ich mich ja bis zur Beendigung der Therapie einem strengen Glauben, oder ich bin Verlobt und hab ein ungewolltes Kind. Mit 18 fängt das Leben an. Frei, unabhängig, hart aber wahr. Heute ist der 27. Januar.
In 65 Tagen, beginnt die Nacht vom Ersten auf den Zweiten April 2011. Dann werden wir uns die Nasen teilen - wenn wir bis dahin nichts Neues gefunden haben – damit wir die ganze Nacht tanzen können. Hitze lässt Glühwürmchen um uns tanzen, während Schnee in unseren Nasen lagert. Nach und nach, kommt mehr Schnee in den Körper, einen brodelnden Vulkan und auf einmal wachsen uns sehr kleine Flügel. So klein, das du noch du bist aber Dinge machst, die du sonst nicht machen würdest.
Ich würde nie in eine Selbsthilfegruppe gehen. Selbsthilfegruppen wurden von den Medien so in den Dreck gezogen, dass ich Angst und Ekel dafür empfinde.
Wir sitzen an der Pipeline und machen Selbsthilfe-Stunden. Bis der Erste Lust hat, auf mehr, mehr als rauchen. Dann werden wir unserm Unterbewusstsein bewusst und reden später über das, was uns auf einem kurzen Trip bewusst wurde. Nennt man das Unterstützung von anderen?
Ich bin froh, das ich mit 18 entscheiden darf, was ich mache. Die Unterstützung von anderen, als da wären: Oma und Opa, bringt mich zu oft down. Vielleicht bin ich ja mit 18 dann nicht mehr auf Pepp angewiesen, weil ich dann, entscheiden darf, wann ich esse, wo ich esse, was ich esse.

5.) Nehmen Sie zur Zeit Medikamente? Wenn ja, schreiben Sie bitte die Namen und Dosierung auf.
Was ich zur Zeit nehme, ändert sich täglich. Nach der Klinik, da gab es die Zeit,. In der ich das ganze Magen und Darm Medikamentenregal in allen Drogeriemärkten „ausprobiert“ habe.
Dann kam die Zeit, in der ich die Nasen-Nebenhölen-Entzündung hatte. Da hab ich Medikamente verschrieben bekommen. Die Entzündung war weg, so im Juni 2010 und wir machten eine Klassenfahrt nach Paris. Eine Woche, in der ich nichts zu mir nahm außer ein Becher Folgemilch mit Erdbeergeschmack. 114 kcal pro Tag. Es war eine wunderschöne Woche.
In den Sommerferien, hab ich dann gar nichts genommen und ich hab mich so aufgeschwemmt und schlecht gefühlt. Ich wollte nur noch sterben.
Im November hab ich dann wieder mit Abführmittel angefangen. Es ist nicht leicht, es ist schrecklich Abführmittel zu nehmen. Eine Tablette zu schlucken, eine Kapsel runterflutschen zu lassen, … ist schrecklich, tut weh.
Im Dezember habe ich dann wieder aufgehört Abführmittel zu nehmen. Es gibt bessere Wege, die ich nicht wieder einschlagen wollte, aber nun, da man älter ist und alles mehr rein haut (das ist wie beim Wein, als Kind schmeckt er uns nicht, als Erwachsener umso besser). „Das sind Medikamente.“, meint Albi. Die alten Majas und Urvölker waren echt clever. Die einen schlafen, die anderen nehmen Speed.