Weihnachten, die Zeit der ...

… familiären Zwangshorrorzusammenkünfte, eskalierenden Beziehungskrisen, größten Enttäuschungen. Eine Gelegenheit bei der nicht allzu selten die eigentliche Absicht an letzter Stelle zu stehen scheint.

Wir wollen „unseren Liebsten“ zeigen, dass sie unsere Liebsten sind und dies mit Geschenken. Ebenso erwartet jeder doch auch Aufmerksamkeiten, die einen fühlen lassen, für wie viele man so richtig wichtig ist. Also Weihnachten auch ein Fest der großen Erwartungen. Daraus folgen dann die großen Enttäuschungen und obendrein ist man fast 3 Tage (oder länger) der geliebten Sippe auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Nicht nur für Menschen die unter psychischen Symptomen insbes. Essstörungen leiden ist der Weihnachtsrummel wie ein Marathonlauf durch ein Mienenfeld. Ebenso für die Angehörigen und viele „normale“ Familien werden im weihnachtlichen Wettglücklich und –besinnlich sein, zu emotionalen Amokläufern.

Ein paar Jahre lang, nach meinem Aufenthalt in der KJP, habe ich noch rebelliert und krampfhaft versucht einen Funken ehrliche Nächstenliebe und offene Augen und Ohren für die Wünsche und Bedürfnisse unserer Weihnachtsgemeinschaft zu bringen. Inzwischen habe ich aufgehört große Bedeutungsvolle (übrigens meist kostenlose) Geschenke zu verteilen. Ich diskutiere auch nicht mehr offen über die Art und Weise, wie mich das ein oder andere gut Gemeinte Geschenk wieder verletzt, unter Druck gesetzt oder missverstanden gefühlt lassen hat. Ich setzte mein krampfhaftes „ich lächle jetzt weil ich weiß dass es gewünscht wird und ihr euch darüber freut, aber würde ich euch wirklich so viel bedeuten könntet ihr sehen dass meine Freude gespielt und mein Dank das Erfüllen von Erwartungen ist“- Lachen auf und bedanke mich Pflichtbewusst. Versuche, nicht zu sehr zu enttäuschen, traurig zu machen, und selbst nicht zu enttäuscht und traurig zu sein.

Das ist Weihnachten! Und so empfinden es wohl nicht wenige Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene… Ich muss zugeben, dass ich mich über Geld sogar mäßig freue. Immerhin verschafft es mir die Hoffnung, am Ende des Monats vielleicht nicht wieder mit €200 Miesen auf dem Konto dem nächsten Gehalt entgegen zu wirtschaften. Doch was ich mir wirklich wünsche ist von meinen „Liebsten“ wahrgenommen zu werden, als der Mensch der ich bin. Moralische Unterstützung zu erhalten, für meine großen, oft unüberwindbar scheinenden Herausforderungen. Ich wünsche mir nicht belehrt zu werden, nicht verurteilt, nicht überhört zu werden. Wünsche mir VERSTÄNDNIS, RESPEKT für meinen Lebensweg und meine Person um nur ein paar ganz viel Bedeutende, ganz kostenlose Wünsche von mir aufzuzählen.

Sehr oft wird Geld geschenkt. Ich kann es mir einfach nicht leisten, mich darüber nicht „zu freuen“ immerhin hänge ich und mein Leben ziemlich davon ab. Überhaupt, ist Geld keineswegs ganz neutral für mich. Denn viele die Geld schenken, denken, sie könnten damit meinem „ich lächle jetzt weil ich weiß dass es gewünscht wird und ihr euch darüber freut, aber würde ich euch wirklich so viel bedeuten könntet ihr sehen dass meine Freude gespielt und mein Dank das Erfüllen von Erwartungen ist“- Lachen entgehen und schenken AUF JEDEN FALL DAS RICHTIGE. Sie liegen nicht ganz falsch, wie gesagt, ich brauche es, ich hänge davon ab. Womit das Problem des Geldes schon erkannt wäre. Geld zeigt mir die Abhängigkeit. Mit einem gut gemeinten Spruch vereint, wie „ leg halt auch mal was für die Rente an und schmeiß nicht alles für das Kunstzeug raus“ oder so ähnlich, wird es fast wie „Blutgeld“. Sie erkaufen sich mein schweigendes Hinnehmen der Missachtung meiner Lebensführung. Also so viel zu „mit Geld kann man ja nix falsch machen!“

Ich muss aber zu geben, ich bin ein überaus „schwer zu beschenkender“!

Tatsächlich kann man mit Sachgeschenken auch sehr viel falsch machen. Fresspakete für das arme abgemagerte Mädchen, Maniküresets für Stressfingernägelkauer, endlich Nichtraucher für den verzweiflungspaffenden Sprössling, Bücher mit so schönen Titeln wie „Endlich Glücklich“, „Wie ich Freunde gewinne und halten kann“… oder CDs mit Autogenem Erfolgstraining und das ganze andere gut gemeinte Zeug für introvertiert, depressive Unglücksraben. Hier ein Rat an alle ratlosen Eltern (etc.) beim Geschenkekauf. Macht euch bewusst, was ihr für und von euren Kindern wollt oder euch wünscht und macht einen rieeeeesen Bogen um alle Geschenke die dies implizieren oder herbeiführen sollen. Geschenke können nämlich weitaus mehr als den Beschenkten zu enttäuschen, da man das Geschenkte nicht braucht. Sie können verletzten, Ausdruck von nicht erfüllten Erwartungen sein, das Gefühl des Scheiterns und des enttäuschten Onkel-/Tanten-/Eltern-/ Großeltern-/ Familienstolzes vermitteln. Wenigstens einmal im Jahr könnte man doch das was man von seinen „Liebsten“ erwartet, sich für sie wünscht, sich als GUT für sie vorstellt außerAcht lassen und zur Abwechslung ein offenes Ohr schenken und versuchen zu verstehen, was der Andere für sich als Gut und Erstrebenswert erachtet und wenn das der schwarze Lippenstift und ein Ohrring für den pubertierenden Sohn ist, den man lieber im Fußballverein sehen würde als auf Goth-Versammlungen auf dem örtlichen Friedhof. Denn genau so wie man mit Geschenken Ablehnung gegen den gewählten Lebensweg ausdrücken kann, kann man zeigen dass man ihn akzeptiert und seine Wahl, Wünsche und Vorstellungen respektiert, die Liebe und Akzeptanz der individuellen Entscheidungen ist doch Grundlage der Liebe dem Beschenkten gegenüber und Seinet-/ Ihretwegen auch Unterstützung aufbringen kann, nicht weil man es richtig findet oder sich wünschen würde, sondern weil man sie/ ihn einfach Liebt wie er/ sie ist. Abbringen kann man ihn/ sie davon sowieso nicht. Jeder muss seinen Weg für sich wählen und jeder Einzelne ist ganz allein auf sich gestellt und überblickt als Einziger die ganzen komplizierten, vielschichtigen Prozesse und Umstände seiner/ ihrer Entscheidungen.

Genug dazu. Im Folgenden ein paar nahezu ernst gemeinte Beispiele. Zwei sinngemäße Interpretationen von Wunschzetteln und eine Anleitung für ein kostenloses SEHR viel aussagendes Geschenk für die GANZE FAMILIE! Viel Erfolg, beim Schenken! Mir ist schon ganz Bang! Zumindest freut sich mein Konto! Ich verschenke dieses Jahr wieder alles was mir möglich ist, das“ gesellige“, „harmonische“, „fröhliche“ Beisammensein nicht zu gefährden. Sodbrennen und Magengeschwür, vor lauter unterdrückter Traurigkeit und Enttäuschung, vorprogrammiert.

„So schön, dass sie wieder Gesund ist und isst!“ „Grins!“ „Strahl!“ Ich nicke Geistesabwesend, setze mein „ich lächle jetzt weil ich weiß dass es gewünscht wird und ihr euch darüber freut, aber würde ich euch wirklich so viel bedeuten könntet ihr sehen dass meine Freude gespielt und mein Dank das Erfüllen von Erwartungen ist“- Lachen auf.

Frohes Fest!

Anita