abgestempelt

„Es ist leichter ein Atom zu zerstören als ein Vorurteil.“
(Albert Einstein)

„[Das Individuum] hat ein Stigma, das heißt, es ist auf unerwünschte Weise anders, als wir es antizipiert [erwartet] hatten.“
(Erving Goffman, Soziologe)

Ich war 17, als ich ein halbes Jahr meines Lebens in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie verbrachte. Nur ein halbes Jahr, aber es war sowohl prägend als auch entscheidend für mein weiteres Leben, entscheidender als vieles andere, was ich in meinem Leben erlebt oder getan habe. Ich bin „gestört“ in meiner freien Lebensentfaltung, „verrückt“ aus den gewöhnlichen Lebens- und Karrierebahnen, „abgestempelt“ und ausgegrenzt.
Natürlich trage ich keinen Stempel auf der Stirn, auf dem steht „war in der Psychiatrie“, aber diejenigen, die sich „normal“ nennen, scheinen auch ohne ein solches äußeres Zeichen über mich Bescheid zu wissen. „Ich habe Dinge über mich erfahren, die wusste ich selbst noch nicht.“ heißt eine Gruppe bei Facebook. So fühle ich mich jeden Tag. Nur weil ich in der Psychiatrie war, glauben andere alles über mich zu wissen, glauben, mich darüber be- und dafür verurteilen zu können. Es scheint erheblich einfacher zu sein, in vorgefertigten Kategorien zu denken, als einen Menschen vorurteilsfrei kennenzulernen, denn das erfordert Offenheit und Mut, und beides wird in unserer „normierten“ Gesellschaft zunehmend seltener.

„Die sozialen Folgen der Stigmatisierung müssen als zweite Krankheit verstanden werden.“
(Asmus Finzen, Sozialpsychiater)

Nachdem ich wieder „ins Leben entlassen war“, lernte ich im Lauf der Jahre auf schmerzhafte Weise, dass mir aufgrund meiner Vergangenheit und meiner Erfahrungen viele Türen für immer verschlossen bleiben sollten; dass ich Höchstleistungen vollbringen konnte, ohne jedoch die mir zugewiesene Schublade „psychisch krank“ jemals wieder verlassen zu können. Oft habe ich nicht einmal unter Kontrolle, ob Informationen über meine Vergangenheit jemandem bekannt werden und was damit geschieht; ich lebe in ständiger Ungewissheit und Angst vor dem, was andere über mich zu wissen glauben.

"Träger eines Stigmas leben ein schweres Leben: sie werden abgelehnt, verbreiten Unbehagen, lösen Beklemmung aus bei den Gesunden, gefährden deren eigenes zerbrechliches Normal-Ich."
(Tilmann Moser, Psychoanalytiker)

Wenn Ablehnung und Intoleranz ein Maß für die Angst vor dem „Anderen“ ist, dann muss die Angst bei in der Psychiatrie tätigen Menschen paradoxerweise besonders hoch sein.
Es gibt eine ungeschriebene und unbewiesene Regel, dass es sich gegenseitig ausschließt, psychisch krank (gewesen) zu sein und in einer Psychiatrie zu arbeiten - „aus ethischen und rechtlichen Gründen“, die auch auf Nachfrage nicht näher ausgeführt werden können; schon allein die Nachfrage wird als Zeichen für eine bestehende psychische Krankheit gewertet. „Aufgrund Ihrer Vergangenheit können wir Sie leider in unserer Klinik nicht einstellen.“ – diesen Satz fand ich in einer Absage auf eine Bewerbung in einer psychiatrischen Klinik, obwohl meine Behandlung gut 15 Jahre zurücklag und meine fachliche Qualifikation den Anforderungen voll entsprach.
Die unbewiesene und offensichtlich rational nicht begründbare Regel führt auch dazu, dass im System der Psychiatrie tätige Menschen glauben, selber gar nicht psychisch krank sein zu können – und wenn es sie doch selbst trifft, verleugnen und verstecken sie ihre eigenen Probleme. Die Angst der „Normalen“ vor dem Unerwarteten, Unberechenbaren, Anderen ist letztlich auch die Angst davor, was sich in einem selbst an Anteilen verbirgt, die nicht der „Norm“ entsprechen. Die Projektion dieser eigenen Anteile in die Patienten ermöglicht eine Stabilisierung des eigenen Selbst und eine Abwehr von Angst – und fördert die Schein-Legitimation der „professionellen Helfer“.
Ein „Mischwesen“, das die beiden per definitionem unvereinbaren Welten in sich zusammenbringt, indem es zum einen psychiatrische Fachkompetenz, zum anderen eigene Erfahrung als Patient mitbringt, darf in dieser Welt nicht existieren, weil es das bestehende Weltbild ins Wanken bringen und zu große Angst auslösen würde.

„Man sollte den Patienten die Schlüssel geben“, sagte eine psychiatrie-erfahrene Freundin zu mir. Dann lachte sie und fügte hinzu: „Moment, die haben sie ja schon.“

"Es ist ja auch für uns gut, wenn wir ehemalige Patienten dann am Tag der Offenen Tür sehen und was aus ihnen geworden ist."
(Gunther Klosinski, Kinder- und Jugendpsychiater)

Die Öffentlichkeitsarbeit vieler psychiatrischer Kliniken beinhaltet Aufklärung über psychische Krankheiten und den Appell, psychisch kranken Menschen gesellschaftlich besser zu integrieren. Wenn es aber darum geht, diese Haltung selber zu leben, gilt bei vielen Professionellen der Leitspruch: „Inklusion ja – but not in my backyard.“ (frei übersetzt: „nicht in unserem Haus“). Die „offene Tür“ beschränkt sich meist auf Besuchstage für die Öffentlichkeit, macht aber scharf halt vor der Beschäftigung ehemals psychisch kranker Menschen innerhalb des psychiatrischen Systems. Dabei wäre es an der Zeit, die wertvollen Erfahrungen psychiatrie-erfahrener Menschen besser zu nutzen und sie in die Versorgung von psychisch Kranken zu integrieren – viele professionelle Helfer würden überrascht feststellen, dass ihre Ängste unbegründet sind und die Zusammenarbeit für beide Seiten wertvolle Impulse liefern kann.

Wer einmal als Patient in der Psychiatrie war, hat kaum mehr die Chance, auf die andere Seite zu wechseln.
Man hat mehrere Möglichkeiten, damit umzugehen, dass man Lebenserfahrungen in einer Psychiatrie gesammelt hat: Das eine Extrem ist „run & hide“ – der Versuch, darüber zu schweigen, in eine andere Stadt zu ziehen, die Lücken im Lebenslauf zu kaschieren und zu hoffen, dass niemand hinter das Geheimnis kommt. Das andere Extrem ist ein offener und souveräner Umgang mit den eigenen Erfahrungen. Beides hat Vor- und Nachteile. Wir psychiatrie-erfahrenen Menschen bewegen uns alle irgendwo dazwischen – ich habe meinen Weg gewählt.