KJP; Teil 1: Die Neue

Linda kommt in unser Zimmer gestürmt. "Die Neue ist da!"
"Und?", frage ich.
"Essstörung, glaub ich."
Meine Organe beginnen sich zu verknoten.
Ich will nicht rausgehen und die Neue begrüßen!

Beim Abendessen muss ich raus. Ich bin immer 4 Minuten vor dem Abendessen am Tisch um mir schon einmal das dünnste Stück Brot mit dem Auge auszusuchen und die kleinste Scheibe Käse. Vier Minuten, in denen ich jeden Handgriff der nächsten Minuten strategisch und genau plane. Alle Augen sind auf die Neue und mich gerichtet.
Ich greife mir entschlossen ein Vollkornbrot, lasse flink eine 10 Gramm Frischkäse-Packung in meiner Jackentasche verschwinden, als sich die Betreuerin mit der Neuen unterhält und lege schnell ein Stück Käse auf mein Brot. Dann schneide ich mein Brot in 10 Teile und beginne Stück für Stück zu kauen. Ein kleiner Bissen wird 30 Mal gekaut.
Die Neue sitzt vor ihrem Teller, die Betreuerin schaut sie an und sagt: "Los, ess auch was."
Die Neue entgegnet: "Ich habe keinen Hunger."
Doch mit dieser Aussage hat sie sich selbst zerstört! Die Betreuerin schmiert ihr 2 Brote. "Ich mag keine Butter.", sagt die Neue mit leiser, weinerlicher Stimme.
"Du isst nun dieses Brot."
Sie versucht es noch ein paar Mal: "Ich habe keinen Hunger mehr, … ich bin wirklich voll! …"
Nach einer Halben Stunde dürfen wir aufstehen und den Tisch abräumen. Nur die Neue muss noch am Esstisch sitzen und unter Adleraugen der Betreuerin das Brot essen.

Beim Fernsehen schauen darf sie stehen bleiben. Ich werde wütend. Mir haben die Betreuer gesagt entweder ich muss mich auf einen roten Sessel setzten oder in das Zimmer gehen.
Die Nachtwache fragt uns, ob wir einen 'Gute-Nacht-Trunk' wollen. Die Neue will nichts. Die Anderen wollen "Kaba mit Schaum."
"Und du Maja?"
"Kaba mit Schaum!", antworte ich mit gespielter Euphorie, als sei Kaba mit Schaum mein absolutes Lieblingsgetränk. Scheiße, wie sehr ich Kaba mit Schaum hasse. Doch ich muss alles tun um so schnell wie möglich entlassen zu werden.
Die Nachtwache fragt die Neue ob sie Mandalas malen will. Sie verneint, genau so wie wir alle. "Ach kommt schon, dass entspannt mich."
Wir bleiben trotzdem vor dem Bildschirm sitzen und schauen uns interessiert die Werbung an. Ich kenne jeden Werbespot schon auswendig. Wenn wir wenigstens umschalten dürften so lange Werbung läuft. Doch wir dürfen es nicht. Auf dem Fernsehenplan steht PRO 7 und darum dürfen wir nicht umschalten. Ich drehe mich zu Lena: "Toll! Dann schreiben wir auf den nächsten Fernsehenplan, dass wir in den Werbepausen umschalten wollen."
Lena antwortet mir: "Das dürfen wir sicher nicht."
Die Nachtwache versucht uns unauffällig zu beobachten, denn: Das Körper-kontaktieren mit den Pfoten ist verboten!
Ich gehe in's Bad "Zähne putzen".
Die Neue folgt mir. Komischerweise verbietet es die Nachtwache nicht. Ich hole meine Armbanduhr aus meinem Waschlappen und beginne mir die Zähne zu putzen. Dabei schaue ich immer wieder unauffällig in den Spiegel und vergleiche mich mit der Neuen. Sie ist fetter als ich, allerdings sind ihre Haare dünner als meine.
"Ich bin Kira.", sagt sie.
"Maja.", antworte ich mit Zahnpastaschaum im Mund.
"Wie lange bist du schon hier?", fragt sie mich.
Ich spüle meinen Mund aus, lege die Zahnbürste wieder in mein Fach und sage: "Ich war 3 Monate im Krankenhaus und von dort wurde ich dann hierher verlegt. Ich bin schon 48 Tage hier."
Ich spüre die Frage in der Luft, die Frage, die uns beiden im Kopf brennt und bevor sie fragen kann sage ich: "Ich wurde mit 34 Kilo in's Krankenhaus gebracht und nun wieder ich 41,7 Kilo."
Sie lächelt mich an. Erleichtert.
"Ich wiege 44,1 Kilo. Bis wie viel wollen die dich hier behalten?"
"Bis mindestens 53 Kilo. Doch das können die mal schön vergessen. Ich mach bis 49,5 Kilo mit, aber zu mehr bekommen die mich nicht. Was haben die zu dir gesagt?"
"Auch 53 Kilo."
"Und wirst du mit machen?"
Sie beginnt zu weinen. "Ich bin noch total fett, ich bin doch gar nicht …"
"Was war dein Ziel?", frage ich.
"40 Kilo."
Sie sieht mich fragend an.
Ich will ihr eigentlich nicht antworten, doch dann sage ich es ihr: "Ich wollte zuerst auf 44 Kilo kommen, dann fand ich mich immer noch zu fett und wollte es auf 40 Kilo schaffen. Mit 40 Kilo konnte ich nicht mehr aufhören und habe mir gesagt ich gehe noch bis 37 Kilo und dann halte ich dieses Gewicht. Allerdings ging das nicht, selbst wenn ich viel gegessen habe oder kein Sport gemacht habe, mein Körper hat weiter abgenommen."
Ich schaue auf meine Armbanduhr und verstecke sie wieder in meinem Waschlappen. "Regel Nummer 1: Bleibe nie länger als 10 Minuten im Bad. Ich gehe jetzt raus, komm in 2 Minuten nach. Denn Regel Nummer 2 sagt: Gehe nie gemeinsam in oder aus dem Bad."
Ich nicke ihr zu, sie nickt mir zu.