KJP; Teil 2: Wir rennen in Trümmern und fühlen uns frei

"Wie war dein Familien-Therapie-Gespräch?", fragt mich Marc.
"Na wie war denn deines?", frage ich ihn.
"Wie immer."
"Schön scheiße."
"Ja."
Wir grinsen uns an.
"Wann gehst du heute eigentlich in ´n Ausgang?", fragt er mich.
"Um 15 Uhr."
"Okay, dann gehe ich um 15.10 Uhr."
"Wo treffen wir uns?"
"Hinter der Tagesklinik."

Als ich die Zimmertüre aufmache, setzt sich Linda gerade auf den Schreibtischstuhl.
"Ich bin's nur.", sage ich.
"Ach so", sagt sie und legt sich wieder auf ihr Bett.
"Marc und ich gehen um 15.10 Uhr in den Ausgang."
"Ja? Dann gehe ich um 14.30 Uhr und dann treffen wir uns noch 10 Minuten hinter der Tagesklinik, oder?"
"Ja."
"Lena hat anscheinend einen Freund."
"Ach was?", antworte ich. Ich setzte mich an den Schreibtisch und frage mich, wer wohl blaue Schreibtische und gelbe Fensterrahmen in das Farbkonzept der Psychiatrie eingebracht hat.
"Der ist anscheinend schon 18 Jahre alt."
"Die lügt doch! Die hat doch gar keinen Freund.", antworte ich.
"Ja klar", sagt Linda, "Doch du musst sie enttarnen ich kann so was nicht unauffällig."
Ich hebe meinen Stapel Schulbücher auf Lindas Schreibtisch.
"Bist du bereit zu lernen?", frage ich sie.
"Klar", antwortet sie.
"Farbenlehre, Symbolik, Traumdeutung oder Manipulation?"
"Farbenlehre."
"Gut."
Ich beginne zu lesen, wir sprechen ab, wer was und wie in der nächsten Einzelsitzung malt und dann lege ich wieder meine Schulbücher auf die Bücher, mit denen wir von Tag zu Tag lernen, wie man gesünder wirkt.

Um 15.10 Uhr treffen wir uns hinter der Tagesklinik. Ein Junge, den ich bisher nur vom sehen kannte steht auch da und zieht sich weißes Pulver in die Nase.
"Ich bin Tim.", stellt er sich vor "Junkie."
"Ich bin Maja.", antworte ich "Magersüchtig."
Lind und Marc kommen, stellen sich auch vor, Marc fragt Tim ob er ihm auch 'irgendetwas' besorgen könnte.
Marc und Linda zünden sich eine Zigarette an, Tim ebenso, die drei rauchen.
Linda sprüht sich mit Parfüm ein, das immer in ihren Socken steckt und verabschiedet sich: "Bis gleich."
Tim: "Ich muss auch wieder auf Station."
Marc und ich gehen in die ehemalige Frauenklinik, die bald abgerissen wird. Wir rennen durch die leer stehenden Räume, finden eine Spraydose und sprühen sinnlose Sätze an die Wände. Wir rennen auf den Dachboden, verscheuchen Tauben, treffen 2 andere Patienten von der Station über uns und fühlen uns frei.
"Geb mir mal die Spraydose.", sage ich.
"Kannst du denn sprayen?", fragt Marc.
"Schöner als du? Sicher!"
In Schreibschrift spraye ich, so schön ich kann und 100 Prozentig schöner als Marc: "Wir rennen in Trümmern und fühlen uns frei."
An die Wand eines zertrümmerten, von Staub besetzten, ehemaligen Hörsaal.

Um 16 Uhr gehe ich zurück auf Station. Marc wartet wieder vor der Tagesklinik bis er mich nicht mehr sieht. Ich klingele an der Stationstüre, der Betreuer schließt auf.
"Und, wo warst du Maja?", fragt er mich.
"In der Bücherei."
Ich gehe auf's Zimmer.
"Linda, wo warst du im Ausgang?", frage ich sie.
"Ich hab gesagt ich war am Fahrradtunnel und habe Fahrräder gezählt."
"Wo wirst du morgen gewesen sein?"
"In der Bücherei."
"Okay, dann sag ich morgen ich war in der Stadt und habe eine Jeans gesucht."
"Aber natürlich keine gefunden.", sagt sie und lächelt.