Zwiespalt

Wie verhalten sich die Anderen mir gegenüber, wenn sie wüssten, dass ich in einer Psychiatrie war?
Diese Frage stelle ich mir sicher nicht als Einzige, während ich einer überfüllten Vorlesung der allgemeinen Psychologie auf dem Boden sitze und mir notiere, was ich eigentlich schon lange weiß. Manchmal wünsche ich mir, dass ich in diesem Fachgebiet genauso unerfahren wäre wie meine Kommilitonen, die interessiert dem Vortrag über den Ablauf einer Therapie lauschen.
Ich müsste nicht mitschreiben. Aber ich tue es, weil die Anderen sonst etwas ahnen könnten.

Abends beim gemütlichen Zusammensitzen wird noch mal über das „interessante Thema“ der Vorlesung diskutiert. Ich halte mich zurück. Eigentlich wäre das der perfekte Zeitpunkt, um meinen bereits lieb gewonnen Freunden bei Bier und Chips nebenbei zu erzählen, dass ich mich damit ein wenig auskenne, es selber lange genug ertragen habe (es immer noch tue) und mir meine Meinung dazu bilden konnte. Sowohl im negativen als auch im positiven Sinne.
Doch im selben Augenblick kommen die Zweifel, die Angst, der Scham.

Was denken sie danach wohl von mir?
Wird sich ihr normaler Umgang mit mir verändern?
Werden sie hinter meinem Rücken darüber reden?

Ich hasse die Tatsache, dass Andere etwas Schlechtes über mich denken könnten.
Zu oft habe ich abwertende Reaktionen erlebt und darunter gelitten.

Deshalb halte ich meinen Mund, behalte das "Geheimnis" für mich und verstecke "Anzeichen", welche darauf hindeuten könnten, dass ich eine "schwere Zeit“ hinter mich habe. Ja, sogar bei über 35° Grad im Hochsommer sitze ich mit meinen neuen Studienkollegen im Gras und sonne mich. Natürlich nur mein Gesicht. Die feine Strickjacke muss bleiben, sonst könnte die wohlüberlegte "Sonnenallergie" ausbrechen und furchtbaren Juckreiz verursachen. Sogar die Lügen sind film reif.
Die Reaktion auf eine Frage, was meine Narben zu bedeuten haben, überlege ich mir erst gar nicht. Wozu? Ich ziehe mich sowieso nicht aus.

Selten treffe ich auf Menschen, denen ich offen und ehrlich einiges erzählen kann. Bevor ich das tue, muss eine gewisse Vertrauensbasis vorhanden sein. Immenses Vertrauen wäre der bessere Begriff. Ich denke, dass ich relativ gute Menschenkenntnisse habe und einschätzen kann, ob ich einem Menschen vertrauen kann oder eben das Schweigen bevorzugen sollte.

Man muss Acht geben. Die Augen öffnen. Den Verstand benutzen.

Toleranz ist ein Begriff, der heute gern verwendet wird. Wir sind tolerant gegenüber Menschen anderer Herkunft. Wir sind tolerant in Bezug auf Homosexualität und religiöse Gruppierungen.
Komischerweise habe ich diese Offenheit und Toleranz gegenüber Menschen mit seelischen Erkrankungen nur sehr selten erlebt.
Natürlich kann man das nicht verallgemeinern, weil man nicht jedem "seine Geschichte" erzählt und somit keine Bilanz ziehen kann.

Doch der Blick in die Arbeitswelt zeigt, dass dieses Thema totgeschwiegen, verachtet und verurteilt wird.
Ich kann nachvollziehen, dass man beispielsweise im sozialen Bereich seelisch gesund sein sollte, um seinen Beruf mit Leib und Seele ausüben zu können. Doch warum sollte ein Klinik-Aufenthalt, den ich vor zig Jahren nötig hatte, ein Problem darstellen? Ich werde mich als Pädagogin sicher nicht vor meine Schüler stellen und stolz berichten, dass ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie war. Ich werde vielleicht im Umgang mit den Jugendlichen etwas sensibler sein und reagieren, falls mir etwas "Krankhaftes" auffallen sollte. Doch sehe ich das nicht als Nachteil. Im Gegenteil, ich denke, dass es mitunter zu meinen Aufgaben gehören wird, darauf zu achten, dass es diesen Kindern gut geht, solange es in meinem Ermessen liegt. Nur weil ich damals Hilfe in Anspruch genommen habe und Narben trage, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht in der Lage bin, jetzt und heute einen vollkommen normalen Alltag zu leben und den Beruf auszuüben, auf den ich gerade ehrgeizig hinarbeite.
Bis mein erster offizieller Arbeitstag ansteht, werden noch ein paar Jahre vergehen.
Doch die Angst, dass "es" herauskommen könnte, ist jeden Tag vorhanden.

Einerseits möchte ich es nicht leugnen.
Es ist nichts Schlimmes dabei. Es hat mir geholfen. Es ist ein Teil von mir. Ich brauche mich nicht schämen.
Besser ausgedrückt: Ich BRÄUCHTE mich nicht schämen.
Und doch tue ich es.
 

Kommentare

ein paar Gedanken dazu....

Bild von Ulrike

Ich kann nachvollziehen, dass man beispielsweise im sozialen Bereich seelisch gesund sein sollte um seinen Beruf mit Leib und Seele ausüben zu können. Doch warum sollte ein Klinik-Aufenthalt, den ich vor zig Jahren nötig hatte, ein Problem darstellen.

Dieser Klinikaufenthalt stellt aber ein Problem dar, wenn er dem ehemaligen Patienten "nachgetragen" wird und er dadurch "krank gehalten" wird. Selbst wenn man Jahre später wieder auf Mitarbeiter der Klinik trifft, in der man einst Patient war, und Erfolge in Schule und Beruf aufweisen kann, es einem gut geht - man wird von vielen so behandelt, als sei man immer noch irgendwie "krank". Am schlimmsten ist diese Reaktion, wenn man selber in einem sozialen/therapeutischen Beruf arbeiten möchte: Etwas daran scheint für die ehemaligen Betreuer so beunruhigend zu sein, dass sie einem Fähigkeiten in diesen Bereichen kategorisch absprechen.
In sozialen Berufen ist die Toleranz gegenüber ehemaligen Patienten oder Menschen mit psychischen Problemen eher noch geringer als in der Allgemeinbevölkerung sowieso schon. Traurig, aber wahr.