Mein erster Tag in der KJP - anonym (1998)

Willst du den Körper heilen, musst du zuerst die Seele heilen (Platon)

Schließlich habe ich mich nun doch dazu entschlossen einen kleinen Einblick in diese sehr persönlichen Erfahrungen, die ich in der KJP Tübingen sammeln "musste", zu gewähren, obwohl ich mich nicht gerne an diese Zeit zurückerinnere … oder genau deswegen?!

Wie viele andere Mädchen in der sensiblen sowie schwierigen Phase der Pubertät, litt ich bereits beinahe vier Jahre vor meiner Aufnahme in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tübingen an Anorexie.
Bevor ich jedoch aufgenommen wurde, musste ich - nach Einweisung meines Hausarztes - sechs Wochen im Krankenhaus verbringen. Die Suche nach einer geeigneten Klinik erwies sich mehr als schwierig, da sich mein Gewicht auf solch einem niedrigen Niveau befand, dass sich keine der von der Oberärztin angeschriebenen Kliniken sich mir annehmen wollte. da - wortwörtlich - ohnehin keine Chance mehr für mich bestand. (Wie man wohl erkennen kann, lebe ich - nach über 15 Jahren - immer noch!)
Nach sechs Wochen Krankenhausaufenthalt, fand sich schließlich doch eine Klinik, die sich bereit erklärte, mich aufzunehmen - eben die KJP in Tübingen.

Ich muss leider sagen, dass bereits der allererste Kontakt mit Unwahrheiten in Form von Versprechungen und Angaben seitens der KJP erfolgte.
Bei dem Vorgespräch vor meiner offiziellen Aufnahme, hieß es bspw., dass ich meine Magensonde dort gleich entfernt bekommen und das Fresubin dann oral einnehmen würde. (..)
Des Weiteren hieß es, dass ich rauchen dürfte, obwohl ich noch keine 16 Jahre alt sei. Da jedoch meine Eltern einwilligten, wollten sie mir das Rauchen - was ja schließlich auch eine Sucht darstelle - nicht vorenthalten. Schließlich rauchte ich seit meinem elften Lebensjahr und im Krankenhaus wurde es mir ebenfalls nicht verboten. (..)
Besuchszeiten fänden jeweils sonntags, zwischen 14.00 und 18.00 Uhr statt. (..)
Duschen dürfe ich selbstverständlich jeden Tag! (..)
Dies ist lediglich ein kleiner Ausschnitt der gefallenen Aussagen bzw. von wichtigen Vorgaben, die im Nachhinein in keinster Weise eingehalten bzw. dezent ausgelassen wurden!
All das geschah im Übrigen in Anwesenheit meiner Eltern und meiner älteren Schwester, die es somit bestätigen können!

Im Juni 1998 fand meine Aufnahme statt. Meine Familie durfte kurz mit auf mein Zimmer, musste sich jedoch nach kurzer Zeit von mir verabschieden.
Wie viele von euch es bereits kennen, wurde zunächst das komplette Gepäck durchsucht, inklusive Jacken- sowie Hosentaschen u. ä. Alles "Verdächtige" wurde eingesammelt. Meine Zigarettenschachtel wurde "zur Sicherheit auch der Mitpatienten" ebenfalls einbehalten.
Meine zugeordneten Bezugspersonen befanden sich zu der Zeit nicht auf Station. Die männliche Bezugsperson käme zum Spätdienst und die weiblich sei momentan im Urlaub.
[Was soll man dazu noch sagen?! Therapeutisch sinnvoll ist das jedenfalls nicht, einen jungen Menschen in solch einem äußerst schwierigen und beängstigenden Moment ohne seine Bezugspersonen zu lassen und gleich anfangs eine Ersatz-Bezugsperson zu bekommen.]
Die Betreuerin P. führte mich auf mein Zimmer. Sie blieb eine Weile bei mir, doch bereits die nächsten Stunden blieb ich alleine, bis sich mir Betreuer G. - in einer äußerst unangenehmen Art und Weise (die er übrigens während meines gesamten Aufenthaltes beibehielt) - vorstellte.

Nun kam es zum erfreulichen Teil, den Regeln:
Es wurde beschlossen - so G. - dass ich die Magensonde nicht gezogen bekommen sollte. Viermal am Tag würde die Gabe von einer Flasche Fresubin à 500ml unter Begleitung eines Betreuers auf meinem Zimmer stattfinden. Aussuchen der Geschmacksrichtung gäbe es hier nicht. (Im Krankenhaus bekam ich lediglich eine Flasche Fresubin pro Tag, dessen Geschmacksrichtung ich mir sogar selbst aussuchen durfte.)
Außerdem durfte ich mein Zimmer nicht verlassen, außer ich musste auf die Toilette oder ins Bad, was jedoch ausschließlich in Begleitung eines Betreuers erfolgen musste.
Darüber hinaus hatte ich strenge Bettruhe einzuhalten, d.h. ich durfte lediglich im Bett liegen oder auf einem Stuhl sitzen.
Um mich im Bad zu waschen, bekam ich jeweils morgens und abends max. 15 Minuten Zeit. Man erlaubte mir nur jeden zweiten Tag zu duschen - im Übrigen unter Aufsicht und unter Einhaltung derselben Zeit, also 15 Minuten.
Eine halbe Stunde nach jeder "Fresubin-Begleitung" hatte ich "Klo- und Badverbot".
Außerhalb meines Zimmers durfte ich mich nicht aufhalten. Genauso wurde mir der Kontakt zu den Mitpatienten untersagt. Ich durfte mit ihnen nicht reden.
Eintritt in die Küche wurde mir streng untersagt.
Und das Rauchen wurde mir übrigens ebenso wenig erlaubt!
Meine Familie durfte mich - wie abgesprochen - erst zwei Wochen später besuchen, doch lediglich für 30 Minuten und das ebenfalls nur in Anwesenheit eines Betreuers und auch nur vor der Stationstür.
Von Ausgang war ohnehin noch lange keine Rede, auch nicht in Begleitung.
(Meinen erstes Mal wieder an der Luft - nach über zwei Monaten Abschottung nicht nur von frischer Luft, sondern von meiner kompletten Umwelt! - werde ich wohl nie vergessen!)
Alles erfolgte selbstverständlich ausschließlich zu meinem eigenen Wohlergehen!!

Ich möchte hierbei erwähnen, dass mir bewusst ist, dass einige Maßnahmen tatsächlich aus vorsätzlich guten Gründen bestanden haben mögen. -> Ich sollte mich auf mich, meine Person und mein Problem, konzentrieren, keine zusätzliche Last von Mitpatienten bekommen; erst wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen; durch all die Regeln solle mir bewusst werden, wie ernst meine Lage ist etc. pp.
Nichts desto trotz rechtfertigt es in keinster Weise die nicht eingehaltenen Absprachen, die wir im Vornherein gemeinsam - in Anwesenheit meiner Familie - getroffen hatten !
Genauso verurteile ich bis heute noch, das Schema-F-Vorgehen. Jede/r Jugendliche mit einer Psychose wurde nach diesem Prinzip behandelt, jede/r Jugendliche mit (Zwangs-)Neurosen nach jenem, jede/r Bulimiker/in nach diesen angeblich bewährten Vorgaben und jedes anorektische Mädchen oder jeder anorektischer Junge nach eben jenem Schema.
Dass der Mensch ein Individuum ist und möglicherweise unterschiedliche Anwendungen und Formen der Therapie benötigt, wurde nicht berücksichtigt! (Auch wenn nach außen hin oft genug groß die Rede davon war!)

Ich kann lediglich für meine eigene Person sprechen, dafür jedoch betonen, wie wichtig es für mich und in meinem Fall gewesen wäre, dass sie in absolut anderer Weise vorgegangen wären.
Um dies zu verdeutlichen, kann ich einzelne Beispiele nennen, die jedoch nicht annähernd alles Fehlgehandelte seitens der Ärzteschaft sowie Betreuer und Psychologen abdecken:

Ich war in einem Zustand voller Selbsthass und einem Selbstwert von gleich Null. Statt mir Zuneigung, Mut und Wertgefühl zu vermitteln, wurde mir durch die Regeln, Verbote sowie Vorgaben nur noch mehr das Gefühl gegeben, nichts wert zu sein. - Weshalb sollte ich mit anderen Menschen reden dürfen, weshalb an die frische Luft (nicht einmal auf den Balkon durfte ich) ... wieso in irgendeinster Weise Rechte ?? Ich, die Nichtigkeit in Person. Solche und viel schlimmere und schmerzvollere Gedanken gingen mir damals tagtäglich, Stunde für Stunde, Minute für Minute durch den Kopf.
Darüber hinaus wurden mir Sachen unterstellt, die nicht der Tatsache entsprachen. Und andererseits wurde ich zu Dingen gezwungen, die gegen meine Prinzipien lagen.
Dass bei meiner Form der Essstörung das Gewicht eine gewichtige( ;-P) Rolle spielt, ist nicht abzustreiten. Allerdings wurde so gut wie alles an meinem Gewicht festgemacht, so dass meine Person auf mein Gewicht reduziert wurde - was mich nur noch mehr darin bestätigte, dass ich als Mensch mit Charakter, Emotionen, Vorlieben, Abneigungen, ... nichts wert sei, dass ICH, mein Selbst, keine Rolle spiele. Ich war ein Körper, von deren Masse es abhängig war, ob ich einen Pluspunkt bekomme oder nicht, geliebt werde oder nicht, gut oder böse bin.
Bei jeder Wunschäußerung meinerseits hieß es: Wenn du dieses Gewicht erreicht hast, darfst du deine Eltern eine Stunde sonntags sehen; bei diesem Gewicht kann dir die Magensonde gezogen werden, ab jenem darfst du dieses und ab diesem Gewicht, jenes ... Wirklich alles wurde an meinem Gewicht festgemacht, auch wenn es in keinerlei Verbindung zu den jeweiligen Änderungen bzw. Änderungswünschen von mir stand!
Gewünscht und gebraucht hätte ich, dass mir mal jemand deutlich macht, dass das Gewicht nichts über den Menschen selbst aussagt, dass es keine Vorgabe ist, an der man gemessen werden kann oder sich selbst messen sollte.
Dem Essen und dem Gewicht wurde so viel Bedeutung geschenkt, dass ich mich erst dadurch nur noch mehr darauf fixierte.
Ich wurde sowohl passiv als auch aktiv erniedrigt und gedemütigt.
Es kann wohl sein, dass es nicht in böser Absicht geschah, doch in meinem Zustand war es keine Frage der vorsätzlichen Absicht, sondern eine Sache der Vorsicht, die jeder Mensch - gleich ob Betreuer, Arzt oder Pfleger, doch da umso mehr - von Natur aus in sich trägt bzw. tragen sollte.

Letztendlich war ich beinahe anderthalb Jahre in der KJP in Tübingen.
Bis heute haben mich die Gegebenheiten von dort geprägt. Durch meinen dortigen Aufenthalt erst haben sich Verhaltensweisen manifestiert.
Wichtig ist mir hierbei auch ausdrücklich zu erwähnen, dass der Aufenthalt in der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie sehr wohl auch vielen der heranwachsenden Patienten geholfen haben mag und womöglich noch heute der Fall ist.
Doch wie bereits anfänglich gesagt, kann ich mich lediglich auf meine ganz persönliche sowie zwischenzeitlich hinzugewonnene Erfahrung und Ansicht beziehen.
Ich hätte noch um vieles mehr von meiner Zeit in der Jugendpsychiatrie zu berichten. Doch vielleicht ist bereits zu viel gesagt ...?!

Ein Satz wird mir ewig im Sinn bleiben:
Am Tag meiner Entlassung hatte ich das erste Mal das Gefühl einer Art der Vertrautheit … und Gewissheit!
Mein damaliger Psychologe sagte mir beim Abschied: Wir haben bei dir sicherlich Einiges falsch gemacht …! Doch durch dich haben wir auch dazugelernt!

In diesem Sinne:
Auch die Seele ist zerbrechlich - deshalb gebe stets Acht, wie du mit ihr umgehst.

anonym

Kommentare

DANKE

Bild von Gast

Danke! Für diesen wunderbaren, atemberaubenden Eintrag, der einfach all das in Worte fasst, was man sich oft fragt: War das nur bei mir so? Nun die Antwort.