Mein erster Tag in der KJP - U. (1995)

Ein Montag im Oktober. Nebel und Herbstfarben. Stille und Dunkelheit.
Ich habe darum gekämpft, viele Wochen lang. Und noch viel länger in mir, mit mir, gegen mich, gegen meine Eltern und meine ambulante Therapeutin. Monatelang habe ich darauf hingearbeitet, mich gequält, Tag für Tag, Gramm für Gramm, immer weiter abwärts, äußerlich und innerlich. Und mich am Ende dann doch gewehrt, mit Händen und Füßen. Klinik? Ich?!? Ich muss nicht in eine Klinik, ich schaffe das auch so. Nur was? Der Weg nach Tübingen ist Triumphzug und Niederlage zugleich.

Mit energischen Schritten kommt eine junge Frau über die kurze Treppe der Ambulanz ins Wartezimmer auf uns zu. Ihr Parfum ist das erste, was mich von ihr erreicht, ein schwerer, geheimnisvoller Duft, der sie mit einer fast schon mystischen Aura umgibt. Sie hat schulterlange, lockige braune Haare mit einem Stich ins Hennarot. Eine Strähne fällt ihr immer wieder ins Gesicht; sie streicht sie mit einer eleganten Handbewegung zurück. Das Lächeln in ihrem Gesicht ist schief; ein Mundwinkel lächelt mehr als der andere. Sie stellt sich uns als Stationsärztin der Jugendlichen-Station vor, mit diesem halben Lächeln im Gesicht, mit der Unnahbarkeit, die sie ausstrahlt, und der Unsicherheit, die sie vor uns zu verstecken versucht. Sie sieht zu jung aus, um von mir als Therapeutin akzeptiert werden zu können. Zu jung, um mir helfen zu können. Zu jung, um Erfahrung haben zu können. Lebenserfahrung. Sie sieht nicht so aus, als ob sie das, was ich in und hinter mir habe nachvollziehen und verstehen könnte.
Wir folgen ihr in ein anderes Gebäude, das neben dem hübschen alten Gebäude der Ambulanz steht und das ich bisher kaum wahrgenommen habe: Ein Betonklotz mit ungewöhnlichen Winkeln und Ecken; die knallgelben Fensterrahmen sind das einzig Freundliche, Bunte daran, verleihen dem ganzen Gebäude aber auch etwas Starres und Strenges. Pseudo-freundlich, denke ich beim Reingehen, wie bisher alles hier.
Das Zimmer der Ärztin liegt rechts vom Eingang. Neben der Tür ist ein hässliches quadratisches orangefarbenes Schild angebracht. Der Name der Ärztin ist schräg an eine der Seitenkanten geklebt. Es wirkt aufgesetzt, so schief wie ihr Lächeln. Ein Provisorium. Innen wirkt das kleine Zimmer dunkel und muffig. Holzpanele an den Wänden; dichte Vorhänge versperren die Sicht aus dem kleinen Fenster, durch das an diesem grauen Oktobermorgen nur wenig Licht auf uns fällt. Rechts ein Schrank, ein fast komplett leerer Schreibtisch, links eine Sitzgruppe mit vier blau gepolsterten klobigen Sesseln und einem niedrigen Tisch. Eine unbezogene Liege unter dem Fenster, ohne Kissen und Decken darauf. Meine Augen suchen im Raum nach Spuren des Menschen, der hier arbeitet und finden nichts. Eine kleine, grüne, vielblättrige Pflanze, ein Ficus Benjaminii, auf dem Schreibtisch. Sonst – nichts. Kahle Wände. Leere Tische. Nur ein nüchterner, kahler Besprechungsraum, kein gemütliches „Therapiezimmer“.
Als wir uns setzen, ist eine tiefhängende orangene Lampe zwischen uns; ihr langes Kabel teilt das Blickfeld. Die Ärztin balanciert eine Schreibunterlage auf den übereinandergeschlagenen Beinen, in der rechten Hand hält sie einen Füllfederhalter gezückt. Ihre Blicke kommen von unten, mal flüchtig, mal musternd; der Kopf bewegt sich dabei nie, bleibt gesenkt auf das Papier, auf das sie jedes meiner Worte schreibt. Meine eigenen Blicke sind unruhig, misstrauisch, flüchten vor ihren. Wir weichen uns geschickt aus; auch mit Worten kommt es nur selten zu einer Begegnung. Wir reden aneinander vorbei; ich spüre, wie meine Worte ins Leere gehen, nur aufgefangen von der Spitze ihres Füllers, mit dem sie sie für ewig auf Papier festhalten will. Mir kommt es so vor, als ob sie jedes einzelne Wort von mir mitschreibt, aber trotzdem frage ich mich, ob sie überhaupt etwas von dem mitbekommt, was ich sage. Ihre Fragen haben nichts mit mir zu tun, sie sind weit weg von dem, wie es mir geht und wie ich lebe, sie machen mich verzweifelt und wütend. Ich fange an, schnippische Antworten zu geben, ertappe mich dabei, wie ich die Augen verdrehe und den Kopf schüttle: „Was wollen Sie eigentlich von mir?!?“ Dabei bin ich diejenige, die hier etwas will, aber nicht mehr weiß, was. Ich wollte doch hierher. Ich – will ich? Wer will hier was? In dieser eisig kalten Atmosphäre wirken wir alle wie erstarrt. Ich friere in meinem schwarzen Pulli.
„Ich zeige Ihnen jetzt unsere Jugendlichen-Station“, sagt die Ärztin munter, fast schon zu betont heiter. Sie hat einen seltsam beschwingten Schritt, eine Art gewollter Leichtigkeit, die sie wirken lässt, als würde sie ganz abgehoben einen Zentimeter über dem Boden schweben.
Station 3. Die grauen Betonwände neben der blauen Stationstür haben eine seltsame Bema-lung, die wirkt wie ein lieblos hingeschmiertes Graffiti, bei dem auf halbem Weg die Farbe ausgegangen ist und das nie richtig fertig geworden ist. Die Ärztin zieht einen Schlüssel aus der Tasche und schließt die Stationstür auf. Als sie meinen irritierten Blick bemerkt, sagt sie, mehr an meinen Vater gewandt: „Zum Schutz der Jugendlichen können wir die Tür abschließen.“ Aha. Geschlossene Psychiatrie. Ende. Aus.
Mein erster Blick geht geradeaus ins Bad, wo die Tür offensteht, fällt auf großformatige orangefarbene Kacheln. Sie springen mich an, erschrecken mich, machen mir Angst. Auf der Station überwiegen Orange-, Gelb und Brauntöne, dazu viel Holz an den Wänden und an der Decke, Batik und großformatige Muster. Voll in den 70ern hängengeblieben, denke ich geschockt. Es sieht aus wie bei brav gewordenen Spät-Hippies in einer Kommune. Später merke ich, dass auch die Menschen hier irgendwie „hängengeblieben“ sind. Dass auch ich hier hängen bleiben werde, obwohl ich das nie wollte.
Vorbei am Bad stehen wir vor dem Stationszimmer; ein kleiner Raum, vollgestopft mit Möbeln und Menschen. In der Kürze der Zeit erfasse ich nur einen jungen blonden Mann auf dem Sofa, der mich frech angrinst und winkt, ein Patient? Rechts eine Essecke mit acht Stühlen um einen Tisch. Hilfe, ist die Station so klein?!? „Hier können die Jugendlichen gemeinsam kochen“, sagt die Ärztin fröhlich und zeigt auf eine kleine Küche zu unserer Linken. Geradeaus wieder drei orangefarbene Türen. „Die Zimmer der Jugendlichen, da können wir natürlich jetzt nicht reinschauen, Sie verstehen.“ Ich verstehe nichts mehr, ich starre nur auf die drei orangefarbenen Flächen; eine dieser Türen wird bald „meine“ sein, nur welche? Vor den Zimmern eine Sitzgruppe. Ein dünnes Mädchen spielt mit einem Mann ein Würfelspiel; die beachten mich nicht. Oder doch? Sehen sie mir nicht genauso argwöhnisch und misstrauisch hinterher, wie ich sie betrachte? Eine letzte Tür. CLUBRAUM lese ich im Vorbeigehen. Oh Mann, sind die wirklich komplett in den 70ern hängengeblieben?!?
Mir ist nicht aufgefallen, dass die ganze kleine Station rund um die Küche als Mittelpunkt angeordnet ist. Wir sind einmal im Kreis gegangen. Es wird in meinem Leben nicht das letzte Mal sein, das ich im Kreis gehe, durch die Hintertür hinaus, um vorne wieder hereinzukommen. Manchmal auch umgekehrt.
Dann stehe ich stehe draußen und starre wie betäubt auf die orangefarbene Tür, die jetzt hinter mir ins Schloss fällt. Wie verstört folge ich der Ärztin die kurze Treppe hinunter in das kahle Zimmer, während mein Gehirn versucht, sich von den quietschgelb-knallorangenen Farbeindrücken zu befreien, die fast schon weh tun. Ich kann weder fühlen noch denken. Meine Phantasie vom „rettenden Ort“, von einem Ort der Wärme und Geborgenheit, voller Verständnis, löst sich in Nichts auf. Ich falle. Ich habe nichts mehr.

Er steht in der Eingangshalle vor der Treppe, neben dem Aufzug. Karo-Hemd und Jeans. Ein Mann wie ein Baum, wie ein massiver Felsklotz, unbeweglich, unverrückbar und unübersehbar. Breitbeinig und mit vor der Brust verschränkten Armen blickt er uns entgegen und mustert mich. Er macht mir Angst. Er hat etwas Unheimliches, fast schon Bedrohliches an sich. Ich sehe ihn das erste Mal und weiß, dass ich ihn nicht mag, dass die Chemie nicht stimmt, wir nicht auf einer Wellenlänge sind. Insgeheim hoffe ich in diesem Moment, dass ich nicht allzu viel mit ihm zu tun haben werde. Erst als ich direkt vor ihm stehe, streckt er mir die Hand hin und stellt sich als Krankenpfleger und Betreuer der Station vor. Zögernd gebe ich ihm die Hand und spüre dabei trotzdem die Wand zwischen uns. In diesem Augenblick wird mir etwas aus der Hand genommen; ich spüre, wie ich die Kontrolle aus der Hand gebe, mich abgebe, aber nicht an ihn, nicht an diesen Ort hier. Ich verschwinde innerlich an einen Ort tief in mir, an dem mich niemand mehr erreichen kann, nicht mal mehr ich selbst. Ich verliere mich. Noch Jahre später versuche ich, mich an dieser Stelle wiederzufinden.
Wir tragen mein Gepäck in eines der Zimmer mit den orangefarbenen Türen. Gleich links ein nackter Betonpfeiler, auf dem ich bei näherem Hinsehen Wörter erkenne, hingekritzelt mit blauem Wachsstift: „hindere, hindere, hindere“. Das kleine Zimmer wirkt düster. Zwei Betten, eins rechts, eins links, dazu je ein winziger Nachttisch und ein Regal, vor dem Fenster ein langes Brett als Schreibtisch mit zwei Stühlen. Die rechte Seite wirkt bewohnt; vor das unbezogene Bett auf der linken Seite Stelle ich eine meiner schweren Taschen ab. Im Lauf der Jahre haben sich auf den mit Holz verkleideten Wänden wohl Generationen von Patienten verewigt: „Brennt die Bude ab“, „Paul ist ein Arschloch“, „ich war hier“ lese ich und folge neben meinem zukünftigen Bett einer Reihe von Pfeilen nach oben, bis ich kurz unter der Decke „make love, not war“ lese. Am Fußende sehe ich eine angekokelte Stelle im Holz, als hätte jemand versucht, einen der Sprüche in die Tat umzusetzen.
„Was möchtest Du zuerst tun?“ fragt der Betreuer schließlich, „Dein Bett beziehen oder die Station anschauen?“ Auch wenn ich Angst davor habe, mit diesem Mann noch länger allein in einem Raum zu sein, entscheide ich mich für das Bett. Rückzugsort. Decke über den Kopf, mir kann niemand etwas tun. Auch dieser Mann nicht. Die Bettwäsche, die er bringt, ist grün-weiß kariert. Willkommen im Freistaat Psychiatrie – wir sind eine eigene Welt. Schweigend beziehen wir zusammen mein Bett; er knotet das Laken unter der Matratze zusammen – „das lernt man beim Bund so.“ Aha, denke ich irritiert. Schließlich lässt er mich allein, um meine Sachen auszuräumen.

Die rechte Seite des Zimmers ist ihre. Das Bett mit der weiß-grün-karierten Decke ist ordentlich gemacht, das Regal praktisch leer, darüber hängt ein Kalender, den ich mir näher ansehe: Unterwäschewechsel, Gewicht: 47,4 kg, Abgehauen, Unterwäschewechsel, 2. Mal abgehauen. Ich bin schockiert, auch wenn ich so etwas in einer Psychiatrie irgendwie erwartet habe. Wie alt sie wohl ist? Wie sie aussieht? Warum sie hier ist?
„Hi, ich bin Nelly.“ Sie setzt sich mir gegenüber auf ihr Bett und mustert mich neugierig. Dünn ist sie. Dunkelblondes, schulterlanges, leicht gelocktes Haar, blaue Augen. „Die Tochter meiner Therapeutin heißt auch so“, ist das erste, was mir einfällt, bevor ich mich vorstelle. „Ich bin 15, und Du?“ fragt sie. „17“, sage ich, und Annelie reißt erstaunt die Augen auf. „So alt siehst Du gar nicht aus.“ Wir schweigen uns eine Weile an; Fragen haben wir viele, keine traut sich, sie zu stellen. Ich bin schließlich die erste, die die Frage ausspricht: „Warum bist Du hier?“ „Schulphobie“, sagt sie munter. „Ich geh‘ seit ’nem Jahr nicht mehr zur Schule, am Ende hat mich die Polizei hingebracht. Und ich hab ’nen Freund, der zehn Jahre älter ist als ich und war beinahe schwanger von ihm.“ Es klingt, als wäre sie stolz darauf. „Oh“, mache ich. „Und Du?“ „Ich … ähm …“ Ich bin magersüchtig, wollte ich sagen, aber zum einen stimmt das doch eigentlich gar nicht mehr, nachdem ich in den letzten zwei Monaten 11 kg zugenommen habe und jetzt Normalgewicht habe, und zum anderen traue ich mich nicht mehr, das zu sagen, nachdem ich weiß, dass Nelly weniger wiegt und anscheinend nicht mal Magersucht hat. „Wie lang bist Du schon hier?“ frage ich zur Ablenkung. „Zwei Wochen, und schon zweimal abgehauen!“ Ich höre das Triumphieren in ihrer Stimme. „Ist es so schlimm hier?!“ Sie grinst, dieses typische Nelly-Kobold-Grinsen, das ich jetzt schon mag. Ich habe eine Verbündete gefunden.

Der Tisch ist für fünf Personen gedeckt. Vier Patienten und ein Betreuer. Mehr sind wir nicht, an meinem ersten Abend auf Station. Außer Nelly gibt es noch Mischa, der aussieht wie ein Zwerg, nur wenig und undeutlich spricht und sich ständig in die Hose fasst, und Sonja, die wie geistig behindert wirkt, beim Essen ihren Rotz an den Ärmeln ihres Pullis abwischt und nach allem auf dem Tisch grabscht, was jemand von uns anderen gerade nehmen will. Nelly wirft mir vielsagende Blicke zu; der Betreuer isst völlig ungerührt.
Ich starre hinaus in die Dunkelheit und frage mich, wohin ich hier nur geraten bin.