Mein erster Tag in der KJP - J. (2008)

Die Erinnerung an den ersten Tag in dem Haus mit gelben Fenstern ist, wie bei mir so viele wichtige Erinnerungen meines bisherigen Lebens, verschwommen.
Ich kann mich an den Zustand erinnern, in dem ich war. Ich hatte die Schnauze voll von Kliniken, die mir sagen, sie können mich nicht mehr behandeln. Hatte die Schnauze voll von Therapeuten, Ärzten, Krankenhäusern und vor allem der Psychiatrie. Ich wollte nur noch nicht mehr sein. Weder dort noch sonst wo, wollte nur in mein Bett und mich verkriechen. Mir die Decke über den Kopf ziehen und verschwinden. Nicht sterben, nein, einfach nur verschwinden.
Dann bin ich verschwunden. Im Haus mit den gelben Fenstern. Unfreiwillig und unvorbereitet. Aber notwendigerweise. Die Welt hat mich lange Zeit nicht (mehr) zu Gesicht bekommen und nun hatte ich was ich wollte.
Isolation.
Um zu finden, was zuvor in mir verschwunden war.
Mich.

Die Autofahrt war sehr schwierig für mich.
Ich wollte meine Mutter nicht gehen lassen. Sie wohnte eine Autostunde entfernt und damals war mir die Distanz zu ihr, die ich dringend brauchte, unheimlich und fremd. Mindestens so fremd wie ich mir selbst in diesem Moment.
Ich kann mich an das Datum erinnern. Wer kann das nicht?! Schließlich hat dieser Tag unser Leben beeinflusst und verändert. Es war der 26. Februar 2008. Zwei Tage nach meiner Konfirmation.

Die Konfirmation hätte eigentlich wie geplant stattfinden sollen.
Ich habe mich im Badezimmer eingeschlossen und wollte nicht. Nicht in die Kirche, nicht unter all die Menschen. Nicht VOR all die Menschen, die nur gekommen waren, um uns Gott näherzubringen. Dabei hätte man mir zuerst einmal mich selbst mir näherbringen sollen.
Ich saß da also, Im Badezimmer, vor der Heizung. Wie immer. Das war mein Stammplatz. Schon so oft saß ich hier, während die Welt auf mich gewartet hat. Eine Zeit lang hatte ich hier sogar Nahrungsmittel und eine Flasche Wasser gelagert. Für den Notfall.
Ich denke, in diesem Moment wurde uns allen klar, wie wichtig es für mich war, nach Tübingen zu gehen. Mir, meiner Mutter. Und der ganzen restlichen Verwandtschaft, die sich vor der Badezimmertüre befand und bettelte, ich möge doch mitkommen.
Ich kam nicht mit.
Unser Pfarrer hat, so herzensgut wie er war, eine Konfirmation nur für mich und meine Familie im kleinen Kreis an die große öffentliche Zeremonie angeschlossen. Somit wurde ich dann doch noch Konfirmiert.
An diesen Moment musste ich denken, als wir da im Auto saßen. Mit Gepäck für mindestens acht Wochen, wie es damals hieß. Ich kann schwer sagen, wer mehr Angst hatte. Ich vor der Fremde oder meine Mutter davor, mir fremd zu werden.

Ich weiß noch, wie oft wir anhalten mussten, weil mir wieder einmal schlecht war.
So wie immer, wenn ich das Haus verlassen musste.
Ich kann mich an die Raststätte am Engelbergtunnel erinnern, auf der wir mindestens eine halbe Stunde standen, so lange, bis meine Panikattacke fürs Erste vorüber war. Der Name des Tunnels und die für eine Raststätte schöne Fauna haben mich hinweggetröstet über die bevorstehende Zeit. Ich wollte, dass die Engel bei mir sind, und mir helfen, mit mir meinen Berg zu besteigen.

Ich erinnere mich kaum mehr an mein Aufnahmegespräch. Ich weiß nur, das mein Magen wieder einmal auf Halbmast hing, irgendwo zwischen unten und oben. Man hat mir meine Symptomatik sofort angesehen. Ich schwitzte und mir war kalt. Ich war wahrscheinlich sehr blass und sehr, sehr schüchtern und still. Als ich dann noch für 20 Minuten auf der Toilette verschwand, war allen klar, wie nervös ich war.
Als nächstes weiß ich, dass wir dort standen. Vor der Türe. Mit den Koffern in der Hand.

Ich erinnere mich am intensivsten an den Geruch.
Ich kannte diesen Geruch schon von Weinsberg, der anderen Klinik, in der ich war.
Der Geruch hat mir Angst gemacht. Sehr große Angst.
Welche Gefühle dieser Geruch immer noch in mir auslösen kann, ist nur schwer zu beschreiben.
Es ist weniger ein Geruch, nein, es ist eine feine Duftspur von Gefühlen, die sich die Nasenhaare entlanghangelt und sich im Gehirn festsetzt. Zwischen Wahn und Sinn.

Dann hat sich die Türe geöffnet.
V., selbst Patientin, gab mir die Hand und lächelte mich an. Das hat mir Mut gemacht.
Im Zimmer angekommen, an die Verabschiedung meiner Mutter kann ich mich nicht erinnern, saß ich auf dem Bett. Ich wollte nicht hinaus zu den Anderen zum Abendessen. Zum Glück bekam ich es am ersten Abend ins Zimmer gebracht.
Ich hatte ein Einzelzimmer. Klein aber fein mit Blick auf den Garten. Dort saß ich oft am Fenster und habe hinausgeblickt in die kalte und für mich trostlose karge Welt, die ich nie wieder betreten wollte.
Dies war nun mein Refugium, mein Schutzbunker, und eigentlich fühlte ich mich in dieser Isolation wohl. Nur vermisste ich meine Mutter und meine Familie schrecklich.

Damals hatte ich auch einen Freund, meinen ersten richtigen, wie man so schön sagt. Er hat nicht weit von Tübingen entfernt gewohnt, was ich, unwissend wie ich war, als Vorteil betrachtet habe. Dass die physische Entfernung verschwand, hat jedoch nichts geändert. Ich war so weit weg wie nie. Hatte kein Handy, kein Internet, keinen Ausgang und keine Möglichkeit zu telefonieren. Ich durfte eine Viertelstunde in der Woche online und die reichte kaum aus, die langen, vor Sehnsucht triefenden Emails meines Freundes zu lesen und zu beantworten. Ich war voller Verlustängsten. Eine Weile lang hielt die Beziehung dann doch.

Die ersten paar Tage versteckte ich mich so viel wie nur möglich in meinem Zimmer, verkroch mich in meiner von mir gewünschten Einsamkeit und vergrub mich in meiner Depression.
Irgendwann hat man es dann geschafft, mich aus diesem Loch mühsam heraus zu arbeiten.
Nein, ICH habe es geschafft - mithilfe von Ärzten und Therapeuten, ganz viel Zeit (14 Monate) und dem Haus mit den gelben Fenstern.