KJP und Freunde

 
Manche erzählen ihren Freunden nichts und hoffen, dass sie es auch niemals von jemand anderem erfahren. Sie erzählen ihnen Lügen, wie zum Beispiel, dass sie für 'ne Zeit auf 'ne andere Schule müssen, 'ne Art Internat. Andere sagen, sie sind in 'ner Klinik, aber was für 'ne Klinik des ist oder wieso sie dort sind wollen sie nicht erklären.
Ich hab meinen Freunden sofort gesagt, wo ich bin und wieso, zumindest meinen "echten" Freunden, von denen ich dachte, dass sie damit umgehen können. Konnten sie auch. Jedenfalls hatte ich des Gefühl, dass sie's konnten.
Sie haben mich nicht anders behandelt, haben normal mit mir geredet und gefragt, wie's mir geht, was ich so mach, wie die KJP ist. Eine hat mich sogar mal besucht, mir 'ne Karte und 'nen kleinen Anhänger dagelassen, 'n Schutzengel. In der Karte hat sie mir Mut gemacht die Therapie nicht abzubrechen und dranzubleiben. Ich war überrascht, weil ich nicht erwartet hätte, dass gerade sie kommt. Ich danke ihr dafür.
Denn die anderen Freunde, von denen ich erwartet hätte, dass sie mich besuchen, kamen nicht. Wieso nicht? Ich glaub, ich hab noch nie wirklich danach gefragt. Vielleicht konnten sie doch nicht so gut damit umgehen. Oder vielleicht hatten sie einfach keine Zeit.
Aber wie viel Zeit braucht man denn für 'nen Besuch? Kriegt man's nicht hin, innerhalb von mehr als einem Jahr mal vorbeizuschauen, auch wenn's nur kurz ist?
Anscheinend nicht.
Auf SMS, E-Mails und Briefe haben sie aber geantwortet und wenn ich am Wochenende mal was mit ihnen gemacht hab, war's auch ganz okay. Vielleicht hatte ich deshalb des Gefühl, sie könnten damit umgehen, dass ich in der Psychiatrie bin.
Psychiatrie.
Ich hab mich oft gefragt, ob sie sich schämen, dass ihre Freundin in der Psychiatrie ist. Vielleicht haben sie mich deshalb nie besucht, weil sie Angst hatten gesehen zu werden oder weil sie sich dabei unwohl fühlten, mich, ihre Freundin an so 'nem Ort zu besuchen.
Dabei glaub ich, sie wären überrascht gewesen, wenn sie gesehen hätten, wie's in der KJP aussieht. Ich war ja selbst überrascht.
 
Damals hat's weh getan und mich traurig gemacht, dass sie mich nicht besuchten. Aber wenn ich im Nachhinein drüber nachdenk, bin ich froh, dass sie nicht kamen. Nicht, weil ich mich selbst dafür schämte, aber weil sie mich nur behindert hätten.
Wer will schon nicht mitgehen, wenn die Freunde vor der Tür stehen? Aber ich konnte nunmal nicht mitgehen und es war auch gut so.