Nur eure Arbeit?!

 
Manchmal, wenn wir im Bett lagen und des Licht schon aus war, haben wir noch 'ne Weile geredet. Wir waren zu dritt im Zimmer und haben uns über vieles Gedanken gemacht. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass wir unsere eigene kleine "Übergabe" hatten. :-)
Ich erinner mich an 'ne Frage, die wir uns mal gestellt haben:
Mögt ihr Betreuer uns wirklich oder sind wir für euch nur eure Arbeit?
Ich mein, wie viele Patienten kommen und gehen jedes Jahr, jede Woche? Wie viele haben ähnliche, manchmal sogar die gleichen Probleme? Für uns ist die Freizeit im Schwarzwald, 'ne Fahrt nach Tripsdrill, in den Kletterpark, auch 'ne Wanderung mit euch was Besonderes, aber wie oft macht ihr des? Fahrt ihr nicht jedes Jahr in die Freizeit? Und habt ihr nicht schon jahrelang mit so Patienten wie uns zu tun? Da fällt's doch eigentlich schwer, nicht des Gefühl zu haben, dass wir einfach nur eure Arbeit sind.
Schließlich sind wir 24 Stunden, jeden Tag und jede Nacht da, aber ihr erlebt uns nur 8 Stunden lang und oft nichtmal jeden Tag. Dann geht ihr nach Hause, wo ihr mit euren eigenen Problemen fertig werden müsst. Ihr habt ja schließlich auch 'n Leben.
Oder glaubt, ihr Patienten wirklich, sie existieren nur in der Klinik?
 
Ich muss zugeben, als wir uns die Frage stellten, wollte ich gar nicht so richtig drüber nachdenken. Bei dem Gedanken fühlte ich mich komisch. Ich stellte plötzlich alles in Frage. Wenn ich zum Beispiel mit 'ner Betreuerin Skip-Bo spielte, hab ich mich gefragt, wie oft sie wohl schon gegen 'n Patient gespielt hat und ob sie wirklich Spaß hat, so wie ich oder es einfach nur Routine für sie geworden ist.
Genauso in meinen Terminen. Die Sätze, die gesagt werden, wie oft wurden die schon gesagt, wie abgenutzt sind die schon?
Spaziergänge... Wie oft seid ihr die Wege schon gegangen? Ihr könntet die wahrscheinlich mit geschlossenen Augen gehen.
Wenn man über so was nachdenkt, kann's einen schon 'n bisschen runterziehen, besonders dann wenn man eh schon eher 'n zurückgezogener Mensch ist, Selbstzweifel hat oder gleich allen misstraut. Die Frage hat mich im Hintergrund immer verfolgt. Auch heute noch.
Wenn ich euch in der KJP besuch, frag ich mich für 'n Augenblick, ob ihr euch wirklich freut, mich wiederzusehen oder ob des eben auch schon Routine geworden ist.
Aber kurze Zeit später halt ich die Frage für Schwachsinn.
 
Denn es ist doch so, natürlich erleben Betreuer viele Dinge in der KJP 'n zweites, 'n drittes Mal oder noch öfter, aber es sind doch nicht immer die gleichen Patienten, mit denen die's erleben. Und nur weil zwei Patienten die gleichen Probleme haben, heißt es doch nicht, dass sie sich auch gleich verhalten oder sie die gleichen Eigenschaften haben.
Natürlich haben Betreuer schon tausend Mal Skip-Bo gespielt, aber nicht jeder Patient spielt gleich. Der Eine bescheißt vielleicht (Gruß an L. :-) ), der andere spielt auf seine Art. Jeder hat seine eigene Taktik und jedes Spiel hat was einzigartiges. Des kann ich aus Erfahrung sagen, denn wenn ich jetzt an die ganzen Skip-Bo-Spiele denk, die Partien beim Backgammon, Scrabble, Billard, Tischtennis, Mensch ärgere dich nicht, die Siedler... dann war's immer was anderes, auch wenn oft die gleichen Leute mitgespielt haben. Und grad weil's die gleichen Leute waren, gegen die man gespielt hat, hatte es auch was Besonderes. Man will die vielleicht unbedingt mal besiegen und versucht's bei jedem weiterem Spiel immer wieder und jedes Mal ist man 'n Stück besser.
Natürlich bekommt jeder Patient, wenn er will, jeden Abend seinen Gutenachttrunk, aber der eine will seinen Pfefferminztee vielleicht mit 2 Löffel Zucker, statt mit einem. Der andere will seinen Kaba vielleicht mit Schaum, statt mit keinem. Und manchmal haben wir gar keine Wahl, da gibt's ihn eben nur mit Naturschaum. :-)
Natürlich gehen die Betreuer die Wege tausend Mal und haben bestimmt auch schon hundert Mal "den geographischen Mittelpunkt Baden Württembergs" gesehen. Na und? Wichtig ist doch, mit wem man die Wege geht.
Wie viele Wege sind wir schon tausendmal gegangen? Zur Schule, zu unseren Freunden... Wenn man 'n bisschen aufmerksam ist, ist es doch nie des Gleiche.
Und übrigens sind's nicht immer die gleichen Betreuer, die auf die Freizeit mitgehen. Also so oft, wie wir glauben, tun sie manche Dinge gar nicht.
 
Manchmal haben wir vielleicht des Gefühl, wir wären nur Arbeit für sie. Aber zum Glück beweist jedes einzelne Spiel, jedes Gespräch, jeder Weg den man gemeinsam geht des Gegenteil.