Liebe ...

Vor längerer Zeit wurde ich gebeten, einen Brief aus der Perspektive einer guten Freundin zu schreiben. Was würde eine Person schreiben, die jahrelang mit einem befreundet ist und einen sowohl vor und während der Krankheit begleitet?

Liebe **** ,

ich schreibe dir diesen Brief, weil ich nicht länger schweigend mit ansehen kann, wie du dich selbst zerstörst. Ich hätte dich gern darauf angesprochen. Aber ich kann es nicht. Ich kann mit dir über alles reden, weiß alles von dir, so wie du von mir. Doch sobald es um „das“ geht, kann ich nicht in Worte fassen, wie weh es tut, dich leiden zu sehen. Ich weiß nicht, welche Worte, Gesten, angebracht wären, um dich nicht verletzend damit konfrontieren zu müssen.

Ich will dich nicht verlieren! Aber mir ist bewusst, dass ich das riskieren würde, wenn ich dich unter Druck setzte oder dich auf deine destruktive Lebensweise anspreche.
Du bist meine Freundin. Wir teilen gemeinsame Erinnerungen, ja sogar Gedanken und Gefühle miteinander, weil wir uns sehr ähnlich sind. Schon als ich dich kennengelernt habe, hatte ich das Gefühl, dass sich zwischen und eine enge Freundschaft aufbauen würde.

Ich spüre, wenn es dir gut geht, spüre Fröhlichkeit, Wut, Enttäuschung. Es reicht ein Blick in deine Augen und ich weiß bescheid.
In den letzten Jahren hatte ich das Gefühl, in fremde, leere Augen zu blicken.
Du sagst, du seist glücklich. Doch ich kann das weder sehen noch spüren.
Du sagst, dir würde es gut gehen. Ich sehe das Gegenteil.
Du sagst, du seist zufrieden mit Dir, mit deinem ganzen Wesen.
Doch ich glaube dir das nicht!
Ich glaube es dir deshalb nicht, weil dein Verhalten paradox ist. Warum versuchst du dich durch Hungern und Kotzen unsichtbar zu machen, wenn du doch glücklich bist und Raum einnehmen möchtest? Warum fügst du dir selber Schmerzen zu, ziehst dich zurück und hältst dich für wertlos und nicht liebenswert?
Warum flüchtest du in eine dir bereits bekannte Krankheit, wenn du bereits das Wissen darüber verfügst, wie diese enden kann?

Du hast das alles schon einmal durchgemacht und hast in einer Phase der Besserung hoch und heilig geschworen, dass du das nicht noch mal durchleben möchtest.
Du warnst jeden davor, bietest anderen Unterstützung an und gibst wertvolle Ratschläge, wofür dich jeder beneidet.
Jeder möchte deine Hilfe.
Jeder möchte mit dir reden. Alle sehen dich als ein Vorbild.
Ein Vorbild, welches auf Lügen und Verdrängung basiert.
Das macht mich wütend, unheimlich wütend, weil ich weiß, dass das nur eine Fassade von dir ist. Seit Jahren erhältst du sie aufrecht wie ein Schutzschild.
Leg sie ab!

Ich kann mir nicht länger mit ansehen, wie jeder glaubt, dass es dir gut geht.
Andererseits glaubt mir kein Mensch, wenn ich das Gegenteil behaupte, weil du perfekt bist. Nein, du bist es nicht, das weiß ich. Aber du wirkst so. Immer mit einem Lächeln im Gesicht. Immer bereit, anderen zu helfen. Immer gute Laune. Keine Trauer. Keine Träne. Nichts!
Wenn ich dich und deine Schwächen nicht schon jahrelang kennen würde, wäre ich auch davon überzeugt, dass du das perfekte Leben hast.

Warum legst du deine Masken nicht ab?
Wovor hast du Angst?
Hast du in deiner Vergangenheit schlechte Erfahrungen damit gemacht?
Hat jemand deine Schwächen ausgenutzt, dich verletzt?

Diese Fragen kannst nur du mir beantworten, wobei du sie nicht mir beantworten brauchst. Nein, sinnvoll wäre es, wenn du sie dir selbst beantworten könntest.

Siehst du eigentlich ein, dass du immer noch krank bist und im Laufe der letzten 6 Jahre nie wirklich gesund warst?
Bist du dir dessen bewusst oder bildest du dir tatsächlich ein, dass du wieder "normal" bist und vor allem „normal“ isst, lebst und fühlst?
Im  Grunde genommen weißt du ganz genau, was los ist.

Wenn wir über deine Vergangenheit reden, über *** und über die KJP, sehe ich dir an, dass du dieser Zeit hinterher trauerst.
Warum tust du das?
Du hast Schuldgefühle! Du wirfst dir heute noch vor, die Therapie abgebrochen zu haben, weil du denkst, dass du heute vielleicht gesund wärst, wenn du sie damals nicht abgebrochen hättest.
Stimmt das?
Ich weiß, wie sehr du diese Sicherheit vermisst, genauso weiß ich, dass du dich nicht traust, noch mal etwas Neues zu beginnen. Die Angst, die Krankheit loslassen zu müssen oder sie nie loszuwerden, lähmt dich.
Aber bevor du dieser Angst die Macht in die Hände legst, tu was!!!
Finde dich nicht damit ab, sondern kämpfe dafür, dass du eines Tages sagen kannst:
„Ich habe nicht aufgegeben. Ich habe gekämpft. Ich habe mich meinen Schwächen, Ängsten und dieser scheiß Sucht gestellt.“

Mensch, gib zu, dass du keine Kraft mehr hast!
Gib zu, dass dir alles zu viel ist!
Gib endlich zu, dass du Hilfe brauchst und dich am liebsten fallen lassen würdest!

Ich wünsche mir meine alte Freundin zurück.
Die Freundin, mit der ich sorgenlos lachen und weinen konnte, ohne dabei Angst spüren zu müssen, dass du das nur machst, um nach außen hin den Schein zu wahren.
Die Freundin, bei der ich mir keine Gedanken machen musste, ob sie alleine lebensfähig ist.

Du musst dich vor mir nicht rechtfertigen, nicht lügen und nicht verstecken.
Sei so, wie du bist!
Ich nehme dich mit allen Stärken und Schwächen.
Nur eins hasse ich. Dieses Etwas was zwischen uns steht und dessen Name wir beide kennen …