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[ohne titel]

Leistungsträgerin.
Hochleistungskriegerin.
Anwärterin für die Elitetruppe des Landes.
Zwischen die Fronten geraten.
Im Kampf verwundet.
Kriegsinvalidin.
Kriegsdienstverweigerin.
Ausgemustert.
Aus dem System
Gefallen.

Mein erster Tag in der KJP - E. (2011)

„Um 14:30 Uhr hast du einen Termin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur stationären Aufnahme!“

Geschockt starrte ich den Arzt an, … stationäre Aufnahme … Kinder- und Jugendpsychiatrie …Termin um 14:30 Uhr … - die Gedanken überschlugen sich nur so in meinem Kopf, mein Magen verknotete sich, und langsam, aber deutlich wurde mir bewusst, dass meine Ärztin ihre Drohung bewahrheitet hatte … aber … ich dachte nur ein Vorstellungsgespräch? – Und jetzt?! - Stationäre Aufnahme! Ich hätte schreien können, am liebsten hätte ich um mich geschlagen, aber stattdessen sank ich in mich zusammen und ließ den Tränen freien Lauf … - klar denken konnte ich sowieso seit Tagen nicht mehr!

Mein erster Tag in der KJP - J. (2008)

Die Erinnerung an den ersten Tag in dem Haus mit gelben Fenstern ist, wie bei mir so viele wichtige Erinnerungen meines bisherigen Lebens, verschwommen.
Ich kann mich an den Zustand erinnern, in dem ich war. Ich hatte die Schnauze voll von Kliniken, die mir sagen, sie können mich nicht mehr behandeln. Hatte die Schnauze voll von Therapeuten, Ärzten, Krankenhäusern und vor allem der Psychiatrie. Ich wollte nur noch nicht mehr sein. Weder dort noch sonst wo, wollte nur in mein Bett und mich verkriechen. Mir die Decke über den Kopf ziehen und verschwinden. Nicht sterben, nein, einfach nur verschwinden.
Dann bin ich verschwunden. Im Haus mit den gelben Fenstern. Unfreiwillig und unvorbereitet. Aber notwendigerweise. Die Welt hat mich lange Zeit nicht (mehr) zu Gesicht bekommen und nun hatte ich was ich wollte.
Isolation.
Um zu finden, was zuvor in mir verschwunden war.
Mich.

Mein erster Tag in der KJP - A. (1999)

Ich erinnere mich kaum an diese Zeit. Woran ich mich erinnere ist verschwommen, lückenhaft, wage. Nur ganz vereinzelte von Gefühlen gezeichnete Bilder sind mir geblieben. Auch von dem Tag meiner Aufnahme in der KJP Tübingen. Nach dem Aufstehen. Ich schlage meinen Kopf, ich denke an der Dachschräge. Meine Mutter wird später sagen, ich bin ohnmächtig geworden. Ich erinnere mich nur an den dumpfen Schmerz und an flackernde Schatten von Licht. Später sind da Backsteinhäuser und ein katastrophales Essen, das in totaler Verzweiflung und Tränen für mich endet. Ich versuche also, die Gefühle und Bilder zu beschreiben, sie mir zurück in Erinnerung zu rufen und sie in Zusammenhang zu bringen zu den verbliebenen Erinnerungen an diese Zeit und dem was sie heute noch für mich bedeutet.

„Heute hier morgen dort, bin kaum da muss ich fort…“

Das Autoradio scheppert. Ein Sonniger Tag im Mai 1999.
Früh aufstehen. Wiegen. 39kg auf 172 cm. Ich bin vor kurzem 16 geworden. Aussichtslosigkeit, Schmerzen und Verzweiflung überwiegen in meinem Leben. Ich wollte mich nicht umbringen, wollte nicht sterben, nein, ich wollte nicht mehr sein und bin auch kaum noch. Wenn ich in den Spiegel sehe, ist da eine Fremde, ein Zombie, gruselig und ekelhaft. Tiefe Augenhöhlen. Eine dünne Schicht gespannte, blasse Haut über Knochen. Nicht zierlich, ein massives Skelett mit klobigen Gelenken.

Mein erster Tag in der KJP - U. (1995)

Ein Montag im Oktober. Nebel und Herbstfarben. Stille und Dunkelheit.
Ich habe darum gekämpft, viele Wochen lang. Und noch viel länger in mir, mit mir, gegen mich, gegen meine Eltern und meine ambulante Therapeutin. Monatelang habe ich darauf hingearbeitet, mich gequält, Tag für Tag, Gramm für Gramm, immer weiter abwärts, äußerlich und innerlich. Und mich am Ende dann doch gewehrt, mit Händen und Füßen. Klinik? Ich?!? Ich muss nicht in eine Klinik, ich schaffe das auch so. Nur was? Der Weg nach Tübingen ist Triumphzug und Niederlage zugleich.

Die Klinge- meine "Freundin", mein Ausweg....

Wieder sitze ich auf meinem Bett und habe Sie in der Hand. Ich rede mit ihr, weil ich ja sonst niemanden habe. Sie hört mir aufmerksam zu und stellt weder fragen, noch verurteilt sie mich. Ich erzähle ihr vom Tag und dann wie es mir geht & warum ich sie wieder aus dem Kästchen geholt habe...... Ich erzähle ihr, dass ich mal wieder nicht weiter weiss und sie meine einzige "Freundin" ist, der ich einfach alles sagen kann, denn meine "normalen" Freunde würden es auf dauer nicht VERKRAFTEN........ Irgendwann fange ich dann das weinen an & so passiert es wieder...... Ich schneide mich, erst leicht um zu sehen, ob ich mich schon SPÜREN kann & dann schneide ich immer tiefer, solange bis ich mich Spüre. Dann erkenne ich das viele Blut, was sich in der zwischenzeit schon über mein ganzes Bettlaken verteilt hat & ich merke, dass ich es schon wieder getan  habe und weine noch mehr. Doch schließlich raffe ich mich auf, lege Sie zurück ins Kästchen & sage ihr Tschüss und danke fürs zuhören, versorge meine Wunden, beziehe mein Bett neu & ziehe einen langen Pulli an, damit keiner meine Arme sehen kann & tue so, als ob nie was gewesen wäre. Doch ein paar Tage später habe ich ein Gespräch bei meiner Therapeutin und sie sagt mir, ich solle ihr doch mal meine Arme zeigen. Ich versuchte es erst damit, dass Thema zu wechseln, doch sie lenkte nicht ein und so zeigte ich ihr meine Arme und sie sagt dann zu mir, ....... wenn es so weiter geht, muss ich dich echt in eine Klinik bringen lassen und dass möchte ich eigentlich nicht, weil ich denke, dass du es ohne eine klinik schaffen kannst! Nach 50 Minuten ist unser Gespräch zu Ende und ich gehe nach Hause. Die nächsten 2 Wochen, ging es mir gut & dann kam wieder der Tag, an dem sie mir zuhörte.........

Meine Geschichte......

Ich bin jetzt seit 4 Jahren krank. ich habe die Diagnose: Borderline- Persönlichkeitsstörrung. Es hat alles angefangen, als meine Mama im Mai 2008 gestorben ist. Ich war damals 14 Jahre alt. Seid ca. 3 Jahre bin ich in Behandlung, ich habe mehrer Klinikaufenthalte hinter mir. Ich war von 12.12.2011 bis 22.03.2012 in der KJP- Tübingen. Ich wurde damals mit Richterlichen Beschluss eingewiesen. Mir ging es damals richtig beschissen. Ich wollte nicht mehr Leben, hatte extreme Stimmungsschwankungen und habe mich Serlberverletzt. Die Therapie wollte ich nicht, weil ich mir immer vorgemacht habe, dass ich das alles allein schaffe, was im enteffekt nicht so war. Ich habe zwar viel gelernt und dennoch kann ich vieles nicht anwenden, weil sich, wenn es mir schlecht geht, ein schalter umlegt und der dann alles Ignoriert. Seid 7 Monaten bin ich jetzt im Rehazetrum grund.stein. Ich habe bis HEUTE den absprung meiner Krankheit und dem SVV nicht geschafft. Alle sagen immer, "du schaffst dass", " du musst dich darauf einlassen und mit den Betreuern/Therapeuten reden", "lass dich doch mal darauf ein!". Aber wie schwer es ist, über seine Probleme zu reden, wissen sie nicht. Ich durfte als Kind nie mit meiner Mama über meine Probleme reden, weil sie sehr Krank war und meine Geschwister gesagt haben, dass es nicht gut für sie wäre. Also hab ich alles Jahre lang in mich hineingefressen. Langsam geht es bei mir vorwärts, aber auch nur, weil ich mich langsam darauf einlasse und weil mir allmählich klar wird, dass ich mit den Therapeuten/Betreuern reden kann, denn sie wollen mir ja helfen. Es wird noch einige Jahre dauern, aber ich hoffe, dass ich in ein paar Jahren ein normales leben führen und mit meinen Prolemen umgehen kann. Ich erwarte nicht, das es mir Super geht. Ich möchte nur nicht mehr in Krisenzustände kommen. 

Mein erster Tag in der KJP - anonym (1998)

Willst du den Körper heilen, musst du zuerst die Seele heilen (Platon)

Schließlich habe ich mich nun doch dazu entschlossen einen kleinen Einblick in diese sehr persönlichen Erfahrungen, die ich in der KJP Tübingen sammeln "musste", zu gewähren, obwohl ich mich nicht gerne an diese Zeit zurückerinnere … oder genau deswegen?!

Wie viele andere Mädchen in der sensiblen sowie schwierigen Phase der Pubertät, litt ich bereits beinahe vier Jahre vor meiner Aufnahme in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tübingen an Anorexie.
Bevor ich jedoch aufgenommen wurde, musste ich - nach Einweisung meines Hausarztes - sechs Wochen im Krankenhaus verbringen. Die Suche nach einer geeigneten Klinik erwies sich mehr als schwierig, da sich mein Gewicht auf solch einem niedrigen Niveau befand, dass sich keine der von der Oberärztin angeschriebenen Kliniken sich mir annehmen wollte. da - wortwörtlich - ohnehin keine Chance mehr für mich bestand. (Wie man wohl erkennen kann, lebe ich - nach über 15 Jahren - immer noch!)
Nach sechs Wochen Krankenhausaufenthalt, fand sich schließlich doch eine Klinik, die sich bereit erklärte, mich aufzunehmen - eben die KJP in Tübingen.

Irgendwie

Irgendwie geht das nicht weiter,
irgendwie trag ich ne Last,
irgendwie treibt’s mich zur Leiter,
irgendwie gibt’s gar kein ,,fast’’

irgendwie reißt’s mich auseinander,
irgendwie geht’s über Bord,
irgendwie hab ich’s nicht beieinander,
irgendwie geht’s mit mir fort

irgendwie lebt’s sich nicht gut,
irgendwie kann ich nicht sehn’
irgendwie gibt’s zu viel Wut,
irgendwie lern’ ich nie stehn’
 

Wer bin ich?

Zu mir.
Wer bin ich?
Ich bin nicht mehr die, die neben Anna sitzt. Ich bin die, die auf dem 'noch freien' Platz sitze. Von Unterrichtsstunde zu Unterrichtsstunde torkle ich verloren an einen 'noch freien Platz' neben ein bekanntes-fremdes Gesicht.

Das Schuljahr ist beinah zu Ende, den Lehrern fällt es nicht auf wenn ich im Mittagsunterricht fehle. Vielleicht auch nicht den Mitschülern.
"Deine Noten wurden schon in der Klinikschule gemacht.", meinte Mama, als ich mich beschwerte, dass mich kein Lehrer mehr dran nimmt, wenn ich Strecke. Selbst wenn ich die Einzige bin die streckt - sie nehmen mich nicht dran. Das liegt daran, dass sie nicht wissen wie sie mit mir umgehen sollen.
Die meisten meiner Mitschüler gehen mir aus dem Weg. Auch meine 'ach so guten und für-immer-bis-Ewig Freunde'.
Also gehe ich zu denen, denen es nichts ausmacht, das ich gerade aus der Klapse komme. Sie stehen mit gleichgültiger Miene im Pausenhof hinter den Büschen und rauchen. Irgendwann geben sie mir auch eine Zigarette und irgendwann gehöre ich eben irgendwie dazu in den Kreis, der nicht fest gezogen wurde. Lose stehen wir, verbunden durch Rauchschwaden über uns da, sie reden darüber wie scheiße die Schule ist und über den Abschlussball.
"Gehst du zum Abschlussball?", fragt mich Aljoschka, als ich im Biologieunterricht neben ihm, auf dem 'freien Platz' sitze und eine Partie Käsekästchen gespielt haben.
"Was soll ich denn da?", frage ich.
Er schweigt, irgendwann: "Meine Eltern kommen auch nicht."
Ich denke mir, es ist nicht wegen meinen Eltern, die würden ja kommen, aber … "Mein Zeugnis können die mir auch zuschicken.", sage ich.
"Und wenn ich dir sagen würde, dass ich und ein paar anderen sich sehr freuen würden, wenn du kommst."

Ich gehe also zum Abschlussball. Werde fotografiert, vielleicht wird irgendwann, irgendjemand, jemanden die Fotos zeigen und mit dem Finger auf das abgedruckte Körperhüllen-ich zeigen und sagen: "Das ist die, die Magersucht hat."
Vielleicht werden sie dann mit dem Finger zu Aljoschka fahren und sagen: "Das ist die Freundin von Aljoschka. Hier."
Eher selten. Wir sind nicht wie Twix-Riegel verpackt in einer Verpackung.

Ich muss eigentlich gar nichts über mich und das 'wer ich bin' sagen, das machen schon die anderen -denen, denen es nicht passt, dass ich so bin wie ich nun geworden bin-, sobald ich den Raum betrete. Scannen mich ab, von oben bis unten, schauen wie ich mich bewege, schauen mir in die Pupillen, schauen wie sie mich manipulieren können.
Manche sind auf mich angewiesen, andere bewundern mich für etwas, was sie nicht bewundern sollten.
Manche sagen ich bin 'voll dabei', manche sagen ich bin 'weg' und die meisten sagen ich bin 'Mi'.
Auf Partys bin ich 'Mi', einfach nur 'Mi'. 'Die, die schon ein Buch geschrieben hat.' - 'Die, die dir ein paar Kontakte geben kann.' - 'Die, die mit den blond-braunen Haaren.'
Manche können mich nicht leiden, weil ich die bin, die einfach so aufgetaucht ist und dann ohne Limitbegrenzung nach untern-oben gerast ist.

Wer bin ich?
Vor kurzem waren wir auf einer Party. Wir, ich und ich und ich und noch andere Menschen. Manche dieser Menschen hatten bekannte Gesichter, manche nicht.
Bekannt. Erkannt.
Einer hat erkannt, das wir auf der Suche sind.
Suche nach mir, suche nach Glück, suche nach Hilfe.
Er hat uns ein Stück vom Glück verkauft. Viel zu teuer, den normal kosten die in dem Club nur 10 Euro - aber das war uns egal.
Wir wussten alle, das das Teil uns helfen würde - für unendliche Augenblicke helfen würde, mit uns und allem anderen zufrieden zu sein.

Wir waren auch wirklich zufrieden, doch dann hatte einer die Idee zu buffen um runter zu kommen … Ich hab mit gekifft, mir wurde schlecht also bin ich auf's Klo.
Irgendwann stand mein Kumpel vor der Klotüre und schrie: "Geht's dir gut?"
Ich schrie zurück: "Ja!"
Wenn die Party schon längst gelaufen ist, macht es keinem mehr etwas aus, wer auf welchem Klo ist.
Mein Kumpel stand also in der Damentoilette und schrie: "Komm raus!"
Und ich antwortete ihm: "Sag mir, wer bin ich? Sag es mir und wenn ich es mag, diese Person zu sein, komm ich raus. Wenn nicht, bleibe ich hier bis ich jemand anderes bin."

Er hat geschwiegen und ich bin auf der Toilette geblieben - bis eine Schachtel Zigaretten ausgeraucht war und mein Kumpel vor der Klotüre auf dem Boden eingeschlafen ist.
Ich habe ihn aufgeweckt, ihm in die Augen geschaut und da ist es mir aufgefallen: "Wer sind wir?"
Er sah mich an, unsere Augen füllten sich mit Wasser: "Wer sind wir?"
Was ist aus uns geworden? Wir sind nicht mehr die, die wir vor ein paar Monaten noch waren. Wir sind zu dem geworden, was wir nun sind und wissen nicht, wer wir sind.
Wir sind wir und das ist nicht gut so.

Manchmal ist es gut so wie es ist und dann setzt der Verstand wieder ein und ich denke mir: "Du musst was ändern.", doch dann sagt mein benebelter Verstand: "Ja, nach dem Wochenende. Diesen Samstag ist nämlich Raven im Zollamt und da will ich noch hin."
Ich sage zu mir selbst: "Okay, aber danach."
Und ich weiß, das Wochenende danach wird allerdings auch irgendwo - irgendetwas sein; wo ich vergesse wer ich bin und es ist gut so.  

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